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Welt vorhersehbar machen_6.4.2018

Neues Wohn- und Dienstleistungsangebot für Autisten 

Uwe, Martin, Klaus und Otto sowie Marie, Melanie und Natascha (Namen geändert) sind erwachsene Menschen, die in einer Wohngemeinschaft zusammen leben. In einem Haus in Altencelle. Das Wohnangebot in dem jetzigen Haus wird aus unterschiedlichen Gründen in absehbarer Zeit nicht mehr fortbestehen können; sie müssten nach Hannover umziehen. Müssten sie. Wäre da nicht die Lebenshilfe Celle, bei der sie seit vielen Jahren tagsüber in der Werkstatt arbeiten. Auch deswegen wollen Uwe, Martin, Klaus und die anderen in Celle wohnen bleiben. Sie sind Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen. Die Lebenshilfe in Altencelle wird aktiv.

Heilerziehungspfleger Ali Durna ist mit seinem Job sehr zufrieden, auch wenn ihn die Arbeit tagtäglich vor neue Herausforderungen stellt: "Aber genau das ist es, was mir die Freude an meinem Beruf macht", sagt der 54-Jährige, der einen Ausgleich in seiner Band "Alpha & Omega" mit poppiger Kirchenmusik findet. Ali Durna arbeitet schon lange mit Menschen mit Beeinträchtigungen, seit acht Jahren mit den Autisten Uwe, Martin, Klaus und Otto sowie mit Marie, Melanie und Natascha in der Lebenshilfe. "Wir müssen ganz genau auf die individuellen Bedürfnisse der Besucher unserer Tagesstätte eingehen, denn sie sind äußerst sensibel. Wichtig ist, dass ihnen viel Aufmerksamkeit zuteil wird und sie ihre Umwelt als klar gestaltet erleben", weiß Durna. "Unsere Aufgabe ist es, die Welt für Autisten vorhersehbar und zuverlässig zu machen. Sie benötigen eine eindeutige Struktur und unsere Unterstützung."

Uwe, Martin und Klaus sind gerade dabei, Compact-Discs zu recyceln. Stück für Stück werden Hüllen und Tonträger getrennt und für die weitere Entsorgung sortiert. Durna: "Gerade durch das Arbeiten mit CDs haben unsere Besucher große Erfolgserlebnisse, denn die CDs bieten unterschiedliche Reize – sie sind glatt und sie sind flach und rund und in ihnen kann man sich spiegeln." Durna weiter. "Um möglichst unabhängig leben zu können, müssen diese Menschen bei der Entwicklung von Fertigkeiten und Fähigkeiten unterstützt werden."

Autismus wird von der Weltgesundheitsorganisation zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen gerechnet, die schon im frühen Kindesalter beginnen und durch Verzögerung und Abweichung in der Entwicklung gekennzeichnet sind.

Dadurch kann sich Unterstützungsbedarf ergeben, der nicht nur die direkte Begleitung und Beratung einer Person im Alltag betrifft, sondern auch die Organisation der gesamten Lebensführung umfassen kann. „Die Lebenshilfe Celle hat für diesen Personenkreis ein neues Wohn- und Dienstleistungsangebot entwickelt“, sagt die Leiterin des Bereichs Leben und Wohnen, Katharina Schwarzkopf. Ziel sei es dabei, Teilhabebeschränkungen von Menschen mit ausgeprägten Autismus-Spektrum-Störungen zu verringern, abzumildern oder eine Verschlimmerung zu vermeiden. "Das Angebot ermöglicht Autonomie und Selbstständigkeit in der eigenen Lebensführung." Die Entscheidung über Umfang und Inhalt einer Zusammenarbeit richte sich nach den Potenzialen und Bedürfnissen der Assistenzsuchenden, betont Schwarzkopf.

Die geplante Wohngruppe bestehe daher auch aus klar strukturierten Räumen, in denen sich die Mieter gut orientieren können. "Das Unterstützungskonzept auf ambulanter Ebene funktioniert nur, wenn sich alle Wohngruppenmitglieder auf jeweils einen Dienstleister einigen, der pädagogische und pflegerische Dienste übernimmt: Verschiedene Anbieter würden die Mieter verunsichern", so Schwarzkopf. "Wir können Menschen mit besonderem Bedarf nicht einfach mitten in den Lebensraum einpflanzen. Wir müssen vielmehr gemeinsam Perspektiven entwickeln, ihnen sicheren Halt geben."

Derweil bereitet Ali Durna weitere Beschäftigungen für Uwe, Martin, Klaus und Otto sowie Marie, Melanie und Natascha vor.

Entwicklungsphänomen Autismus
"Autismus ist ein Entwicklungsphänomen, was bedeutet, dass es im Mutterleib beginnt, es angeboren ist und während der gesamten Lebensdauer einen tiefgreifenden Einfluss auf die Entwicklung auf verschiedenen Ebenen hat“, definiert Autismuswissenschaftler Nick Walter, Professor am California Institute of Integral Studies und selbst Autist, Autismus. „Autismus verursacht charakteristische, untypische Arten des Denkens, der Bewegung, der Interaktion sowie der sensorischen und kognitiven Verarbeitung." Eine oft herangezogene Analogie sei, dass autistische Menschen ein anderes neurologisches "Betriebssystem" haben als nicht-autistische Menschen. Autismus ist eine genetisch bedingte menschliche neurologische Variante. Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass autistische Gehirne durch einen besonders hohen Grad an synaptischer Konnektivität und Reaktionsver- mögen gekennzeichnet sind. Das führt dazu, dass die subjektive Erfahrung der autistischen Personen intensiver und chaotischer ist als die nicht-autistischer Personen: Sowohl auf sensorisch-motorischer als auch auf kognitiver Ebene neigt der autistische Verstand dazu, mehr Informationen aufzunehmen, und die Auswirkungen von jedem bisschen Information tendieren dazu, sowohl stärker als auch weniger vorhersehbar zu sein.Nach derzeitigen Schätzungen sind ungefähr ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung autistisch. Während die Anzahl der Menschen, die als autistisch diagnostiziert wurden während der letzten Jahrzehnte kontinuierlich gestiegen ist, weisen Aussagen darauf hin, dass dieser Anstieg an Diagnosen das Ergebnis eines gestiegenen öffentlichen und fachlichen Bewusstseins ist, anstatt einer tatsächlichen Zunahme der Häufigkeit von Autismus.
 

Nachgefragt Dr. Clemens Maria Kasper, Geschäftsführer der Lebenshilfe Celle gGmbH

Entsprechend ihrem Leitbild "Eigene Wege – miteinander gestalten" und ihrem Leitsatz "So viel Selbstständigkeit wie möglich – so viel Hilfe wie nötig" unterstützt und begleitet die Lebenshilfe Celle Menschen mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen. Dabei ist die Behindertenrechtskonvention die Grundlage der Arbeit. CZ-Mitarbeiter Lothar H. Bluhm sprach anlässlich des Welt-Autisten-Tages mit dem Geschäftsführer der Lebenshilfe Celle gGmbH, Dr. Clemens Maria Kasper, über die Perspektiven von acht Menschen mit erheblichen Autismus-Spektrum-Störungen, die in einer Wohngruppe in Altencelle zusammen leben und die seit über 25 Jahren von der Lebenshilfe Celle in einer Tagesstätte begleitet werden.

Der Mietvertrag für diese Wohngruppe endet in absehbarer Zeit. Welche Überlegungen gibt es bei Ihnen, um dem betroffenen Personenkreis eine verlässliche Zukunft zu gewährleisten?

Der Mietvertrag und die Leistungsvereinbarung für diese Wohngruppe laufen in absehbarer Zeit aus. Der Anbieter wird absehbar in Celle kein neues Wohnungsangebot zur Verfügung stellen. Die Eltern und Betreuer wünschen sich aber für die Bewohner, dass sie in Celle bleiben können und weiterhin die Tagesstätte der Lebenshilfe besuchen. Um den betroffenen Beschäftigten das gewohnte Gruppengefüge und den Arbeitsplatz zu erhalten, wollen wir ein alternatives Wohnangebot schaffen, das dem besonderen Unterstützungsbedarf dieser Personen entspricht...

Menschen mit Autismus haben ja Wahrnehmungs- und Orientierungsprobleme und benötigen eine klar strukturierte und reizreduzierte Umgebung...

Ja genau. Sie nehmen eher Details wahr und können nur schlecht Zusammenhänge erkennen. Deshalb muss die Wohngruppe aus klar strukturierten Räumen bestehen, in denen sich die Mieter gut orientieren können. Schon Kleinigkeiten können Menschen mit Autismus aus dem Konzept bringen und zu fremdgefährdendem autoaggressivem Verhalten führen. Menschen mit autistischen Störungen nehmen je nach Ausprägung die Welt anders wahr, lernen anders, haben andere Werte, andere Regeln, andere Interessen. Wir wissen um Menschen, die immer auf ein großes Maß an Unterstützung angewiesen sind und es bleiben werden. Deren Eingliederung stößt auf größte Schwierigkeiten – vielleicht auch, weil die gesellschaftliche Akzeptanz noch nicht weit genug entwickelt ist.

Und wie soll es denn mit diesen Menschen nach Mietvertragsende weitergehen?

Unser heilpädagogischer Kindergarten "Purzelbaum" und ein Teil der Comenius-Schule ziehen im Sommer in die sanierten Gebäude der ehemaligen Erich-Kästner-Schule nach Garßen. Auf dem dann frei werdenden Gelände wollen wir ein Gebäude für neue Wohnformen errichten. Es werden zwölf Apartments entstehen mit persönlichen Bereichen und Gemeinschaftsräumen. Außerdem wird ein Garten eingerichtet, um dem erhöhten Bewegungsbedarf der Mieter zu entsprechen.

Was kostet das alles – und wer bezahlt?

Wir gehen von Gesamtkosten von rund 1,3 Millionen Euro aus. Kostenträger unserer Leistungen Maßnahme ist der Landkreis Celle. Und ich finde besonders schön, dass sich der Landkreis mit uns gemeinsam auf den Weg gemacht hat, dieses Angebot für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung zu ermöglichen. Wir haben den Einzug für Ende 2019 geplant.

Cellesche Zeitung / Seite 10

Freitag, 6. April 2018

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