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Teilhabe ermöglichen

Büro für Leichte Sprache der Lebenshilfe Celle will Inklusion fördern

CELLE. "Viele Texte sind für viele Menschen einfach nicht zugänglich – und daran müssen wir was ändern", steht für Laura Heidrich fest. Sie ist ehemalige Mitarbeiterin der Forschungsstelle Leichte Sprache, studierte Sprach- und Übersetzungswissenschaftlerin und leitet jetzt das Büro für Leichte Sprache, das kürzlich von der Lebenshilfe Celle eingerichtet wurde: "Wir bieten Übersetzungen als Dienstleistung an. Es kann jedes Unternehmen zu uns kommen und anfragen, ob zum Beispiel ein Formular in Leichte Sprache übersetzt werden kann, um die Verständlichkeit des Vordrucks zu verbessern." Klassischerweise seien es vor allem öffentliche und soziale Einrichtungen und Behörden, die Formulare oder Vordrucke übersetzen lassen.

Hintergrund: Jeder Mensch hat das Recht, in einer für ihn verständlichen Sprache zu kommunizieren, um mit gleichen Rechten an der Gesellschaft teilzuhaben.

Durch vereinfachte Kommunikation soll maßgeblich zur Förderung der Inklusion beigetragen werden. "Wir möchten in der Stadt und im Landkreis Celle ein Bewusstsein für die Bedeutung und Wichtigkeit von Leichter Sprache für Menschen mit Beeinträchtigung und ein damit einhergehendes inklusives Denken und Handeln fördern", sagt Heidrich. Denn durch die Verbreitung von Leichter Sprache werden Informationen besser verstanden und ausgetauscht.

Wissen entsteht und Menschen können selbstbestimmter entscheiden und teilhaben. "Die Fachsprache, das allseits bekannte ‚Amtsdeutsch‘, hat durchaus ihre Relevanz." Doch es stelle sich die Frage, ob Kommunikation wirklich erfolgreich ist, wenn sie nicht verstanden wird. "Viele der Schreiben, denen wir im Alltag begegnen, kommunizieren an ihren Empfängern geradewegs vorbei." Und Heidrich fragt sich: "Zeugt es wirklich von gutem Sprachvermögen, wenn man hochkomplexe, verschachtelte und mit Fachbegriffen gespickte Texte produzieren kann, oder ist ein Text nicht vielleicht auch dann gut, wenn er seine Informationsfunktion erfüllt und verstanden wird?"

Die Aufklärungsarbeit zur Bewusstseinsbildung und die Analyse der vorhandenen Bedürfnisse bilden für die Lebenshilfe Celle den Ausgangspunkt für das Projekt. Gefördert wird die Stelle durch die Aktion Mensch für zunächst drei Jahre.

Das neue Dienstleistungsangebot "Büro für Leichte Sprache" ist sozialraumorientiert ausgerichtet und versteht sich als "Brückenbauer". Es führt die Interessen und Bedürfnisse der Menschen thematisch und aufeinander bezogen zusammen.

Das Büro für Leichte Sprache soll sich langfristig etablieren und finanziell selbst durch Übersetzung, Gestaltung und Prüfung von Texten sowie weitere sinnvoll zu ergänzende Dienstleistungen wie eigene Schulungsangebote tragen. Heidrich: „Das Angebot wird ansässigen Firmen, Selbsthilfeorganisationen, Vereinen, Behörden und sonstigen Institutionen ermöglichen, Informationen in Leichter Sprache zu erhalten und anzubieten und somit Menschen mit Beeinträchtigung stärken.“ Gleichzeitig richte sich das Angebot an Kinder, Jugendliche und erwachsene Menschen mit Beeinträchtigung sowie an Menschen mit Lernbeeinträchtigung, wenigen Bildungschancen, geringen Lese- und Schreibkenntnissen oder mit sprachlichen Verständnisschwierigkeiten oder auch an ältere Menschen, die an Barrieren stoßen, wenn es sich um das Lesen und Verstehen von Texten und Informationen handelt.

Leichte Sprache ist eine vereinfachte Form von Deutsch und folgt eigenen, ganz konkreten Regeln. "Heraus kommt ein maximal verständlicher Text, der keine Fragen offen lässt", stellt die Lebenshilfe-Projektmanagerin Nadine Boß fest. "Das geschieht durch speziell konzipierte Prüfsoftware und mit Unterstützung von Menschen mit Beeinträchtigungen, die die übersetzten Texte lesen und prüfen." Und Heidrich nennt ein Satzbeispiel: "Es darf keine Veranlagung zu Sehnenscheidenentzündung vorhanden sein. In Leichter Sprache heißt es einfach: Sie müssen gesunde Hände haben."

Leichte Sprache polarisiert: Vielen Menschen fehlt es nach wie vor noch an Bewusstsein, wieso Leichte Sprache nötig, sinnvoll und inklusiv ist. Da werde dann schnell mal der allgemeine Sprachverfall beklagt, Goethes Deutsch betrauert und Leichte Sprache als Paradebeispiel herangezogen dafür, wie Sprache angeblich nicht geht, stellt auch Projektmanagerin Nadine Boß fest: "Dabei hat Leichte Sprache mit dem, was wir standardsprachlich machen, erst einmal überhaupt nichts zu tun. Denn sie existiert vielmehr neben der Standardsprache und hat gar keinen Anspruch, zum neuen Status quo zu werden."

Nur wer auch in der Lage ist, Formulare, Gesetzestexte und Verträge zu verstehen, kann seine Rechte und Pflichten verstehen und wahrnehmen. Leichte Sprache hat vor allem ein Ziel: Teilhabe ermöglichen!

Zusatzangebot soll erklärend beiseite stehen
Die UN-Behindertenrechtskonvention, die seit genau zehn Jahren in Deutschland Gesetz ist, verpflichtet die Staaten dazu, Barrieren in der Kommunikation von Menschen mit Beeinträchtigungen zu identifizieren und abzubauen. Die niedersächsische Landesregierung schließt sich dem an und ist bestrebt, im Rahmen des "Aktionsplans Inklusion" alle öffentlichen rechtlichen Dokumente und Publikationen in einer für behinderte Menschen wahrnehmbaren und geeigneten Form zugänglich zu machen. Außerdem wirkt sie darauf hin, dass die verschiedenen Kommunikationsformen in der öffentlichen Verwaltung und in der Zivilgesellschaft standardmäßig verwendet werden.
Ein vermeintliches Totschlagargument gegen die Leichte Sprache sei deren Nichteindeutigkeit in Rechtsfragen. Da Leichte Sprache nicht die gleiche Rechtssicherheit liefern könne wie die fachsprachlichen Rechtstexte, sei sie für diese Textsorte grundsätzlich ungeeignet. Doch dieser Einwand lässt sich leicht aushebeln: Leichte- Sprache-Texte sind grundsätzlich ein reines Zusatz- angebot. Sie sollen Verträge und Gesetzestexte nicht ersetzen, sondern ihnen erklärend beiseite stehen.

Mittel für mehr Selbstbestimmung

Wer sich die vielen Dokumente, Behördenbriefe und Informationsschreiben einmal anschaut, wird feststellen: Möglichkeit zur selbstbestimmten Teilhabe sieht anders aus – und "schöne" Sprache ebenfalls.
Dabei ist die Zielgruppe der Menschen groß, die auf Texte in Leichter Sprache angewiesen sind.
Noch größer ist die Menge derer, die auch darüber hinaus davon profitieren könnten. Barrieren abzubauen hilft nicht nur denen, die durch diese Barrieren tagtäglich behindert werden: Wer schon einmal mit schweren Koffern am Bahnhof stand, hat sich sicherlich über die Rampen oder Fahrstühle gefreut, die ursprünglich für Menschen im Rollstuhl angelegt wurden.
Und genauso wie heutzutage niemand mehr die Notwendigkeit dieser Rampen anzweifelt, so muss auch Leichte Sprache als ein notwendiges, aber vor allem auch selbstverständliches und von allen anerkanntes Mittel für mehr Selbstbestimmung und den Zugang zu Informationen betrachtet werden. Sie hilft so vielen Menschen, sich die Welt neu oder überhaupt erst zu erschließen.
Der Verein Deutsche Sprache, dem unter anderen auch die Schauspieler und Komödianten Hape Kerkeling und Jürgen von der Lippe, der Kabarettist Dietmar Wischmeyer und der Autor Bastian Sick angehören, macht seit Jahren darauf aufmerksam, wie wichtig die deutsche Sprache als Bindeglied unserer Gesellschaft ist.
Das bedeute jedoch nicht, sich gegen jede Form von Sprachwandel zu sperren, denn Sprache war noch nie starr und unveränderlich. Im Gegenteil: Sprache verändert sich ständig.
„Niemand schreibt heute noch so, wie Goethe es einst getan hat“, sagt Laura Heidrich. „Damit Sprache aber ihre Funktion als Bindeglied erfüllen kann, müssen wir auch alle Teile der Gesellschaft miteinbeziehen!“ Das beinhalte nun mal auch Menschen mit Beeinträchtigung, Menschen mit geringen Deutschkenntnissen und alle anderen, die zu akademischen (Fach-)Texten keinen Zugang finden: „Davon profitieren alle!“
Beispiel: Eine Lebenshilfe-Mitarbeiterin war dankbar dafür, dass sie künftig mit einer Erklärung in Leichter Sprache arbeiten kann, wenn sie die Werkstattbeschäftigten in die Benutzung eines Hubwagens einweisen muss. (Gekürztes Beispiel siehe Kasten unten)

  Hub·wagen-Unterweisung für Beschäftigte in Halle 4
  (Verpackung und Konfektionierung)

  1.)  Arbeits·schutz

Sie wollen einen Hub·wagen benutzen? 

Dann müssen Sie Arbeits·schutz·schuhe tragen. 

Die Arbeits·schutz·schuhe müssen Stahl·kappen haben.

Sie müssen wissen:

So funktioniert der Hub·wagen.

Sonst dürfen Sie den Hub·wagen nicht benutzen!

Ist der Hub·wagen kaputt?

Dann sagen Sie das sofort der Gruppen·leitung.

Sie dürfen einen kaputten Hub·wagen nicht

benutzen!

Cellesche Zeitung / Seite 8
Freitag, 19. Oktober 2018

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