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Lebenshilfe ist Vorreiterin

In Celle wird UN-Behindertenrechtskonvention bereits umgesetzt

Heiko Knapmeyer sitzt gemütlich in seinem bequemen braunen Wildledersessel. Er ist stolz auf das schöne Sitzmöbel, das er noch nicht allzu lange hat. Aber hier in seinem WG-Zimmer am Robert-Meyer-Platz kann er auf dem Relax-Sessel prima von seiner Arbeit entspannen. Heiko Knapmeyer gehört zur achtköpfigen Wohngemeinschaft, die mitten in der Stadt lebt. Auf zwei Etagen, als Untermieter der Lebenshilfe Celle.
"Ich bin nach über zwanzig Jahren in Hustedt hierhergekommen. Das ist viel besser, denn Hustedt ist weit weg", stellt Knapmeyer fest. Seit gut einem Jahr wohnt er jetzt hier. Alles sei besser erreichbar. Seine Arbeitsstelle in Nienhagen, wo er für Mercedes Rohre foliert. Und seine Eltern in Lachendorf kann Heiko Knapmeyer mit dem Fahrrad von hier aus auch sehr gut besuchen.
Ralf Schössow wohnt ein Stockwerk tiefer. Nach einem Kennenlernen der Wohngemeinschaft hat auch er sich für sein Zimmer in der WG entschieden. "Wir mussten erstmal gucken, ob das geht", erinnert er sich an seinen Anfang in dem Fachwerkhaus am Robert-Meyer-Platz.
Inzwischen hat er sich sein Zimmer nach eigenen Vorstellungen eingerichtet. Ein hohes Regal ist mit CDs gefüllt. "Vanessa Mai höre ich am liebsten", zieht er mit sicherem Griff eine CD aus der Sammlung. "Wolkenfrei live" steht auf dem Cover.
Ähnlich fühlt auch er sich jetzt, denn er macht alles alleine: Um sechs Uhr aufstehen, fertig machen, in Ruhe frühstücken, zur Linie 600 zum Schloss gehen und dann mit dem Bus bis nach Adelheidsdorf zu IAC. Hier hat er einen Job in der so genannten Außenarbeitsgruppe der Lebenshilfe mit rund 30 Kollegen. "Wir machen Dämmmatten für Autos – neulich für Opel", berichtet Schössow über seine Tätigkeit in dem Unternehmen, das durch ein Joint Venture mit Shanghai Shenda mehr Wachstum erwartet. "Wir heißen dann Auria."
Von 8 bis 16 Uhr arbeitet er in dem Werk. Seine Lebensmittel kauft er, wie Heiko Knapmeyer, im Frischmarkt an der Bergstraße. Jeder nach eigenem Interesse und Bedarf. Demnächst will er sich eine Winterjacke kaufen, die hat er sich schon mal angeschaut. "Das klappt gut", schüttelt er kurz seine kuschlige Wolldecke am Fenster aus. Und: Stadtfest, Wein- und Weihnachtsmärkte direkt vor der Haustür. "Hier ist Leben in der Stadt …"
„"Genau das ist es, was wir erreichen wollen", steht für Heidrun Schöpp, die Bereichsleitung Leben und Wohnen und ihre Nachfolgerin Katharina Schwarzkopf fest. Schwarzkopf übernimmt den Bereich zum Jahreswechsel und ist dann auch für die Wohngruppe im Herzen der Stadt verantwortlich. Heidrun Schöpp, die bereits Jahrzehnte für die Lebenshilfe tätig ist: "Wir wollen für die Menschen, die wir begleiten, möglichst viel Selbstständigkeit erreichen."
Dazu gehört auch das eigenverantwortliche Wohnen mit allem, was dafür wichtig ist. "Wir wollen keine Putzfrau hier haben", ist Ralf Schössow ganz wichtig. Er ist stolz darauf, allein zu haushalten. Insgesamt ist in der Begleitung bedeutend, dass jeder auch das Recht auf Risiko hat. "Wir wollen weg von der Fürsorge", sagt Schwarzkopf.
"Wir haben uns entschlossen, neue Verträge zu erarbeiten – ganz im Sinne des Bundesteilhabegesetzes und des Inklusionsgedanken nach der UN-Behindertenrechtskonvention", sagt Schöpp. Die Menschen mit Beeinträchtigungen haben ein Wunsch- und Wahlrecht. Die Wünsche der Beteiligten werden berücksichtigt. "Unsere Miet- und Dienstleistungsverträge sind inzwischen neu erarbeitet worden und sind bundesweit zukunftsweisend", unterstreicht Heidrun Schöpp.
Fast zwei Jahre hat ein neunköpfiger Arbeitskreis die Verträge entwickelt, in leichter Sprache, aber dennoch rechtssicher. "Damit wurden alte Hierarchiestrukturen total aufgebrochen", betont Schöpp. Dabei seien drei zentrale Dinge allen Mitwirkenden bewusst geworden: Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die Menschen, die die Lebenshilfe im Bereich Leben und Wohnen begleitet. "Nur sie und keiner sonst", erklärt Schöpp. Alle Fachkräfte bei der Lebenshilfe Celle seien Dienstleister für die beeinträchtigten Personen. "Und Dienstleister sind weder Ersatzeltern noch gesetzliche Betreuer oder Vormünder." Und sie sind keine Erzieher: "Sie gehen mit erwachsenen Menschen um und haben den Auftrag, Leistungen für die beeinträchtigten Menschen zu erbringen."
Dienstleistungen seien weder ein Gnadenakt oder Entgegenkommen noch Freundschaftsdienst oder Wohltat: Sie sind personengebundene Arbeitsleistungen der Fachkraft.
Also seien die Leistungen konkret zu beschreiben. "Und wir beschreiben sie aus dem Blickwinkel der Leistungsberechtigten", sagt Katharina Schwarzkopf.
An der Erarbeitung der neuen Miet- und Dienstleistungsverträge hat Ulrich Scheibner erheblich mitgewirkt, der zuvor über Jahrzehnte in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen tätig war: "Früher war das Heim eher eine Wohnanstalt, in der sich die Bewohner ein- und unterordnen mussten. Diese Zeiten sind vorbei, denn zum Lebensstandard gehört eine menschenwürdige Wohnung in der allgemein üblichen Lebensqualität!"
Um das Gesetz zu erfüllen, sei es nötig, es auf die jeweils konkreten Bedingungen zu beziehen, es sprachlich verständlich zu formulieren, richtig anzuwenden und praktisch vorzuleben. "Der einzige erfolgversprechende Weg dahin ist eine offene kollegiale Diskussion mit allen Beteiligten. – Das braucht Zeit, Verständnis und Veränderungsbereitschaft", weiß Scheibner.
Seit über einem Jahr gibt es in der Celler Innenstadt das Wohntraining, das am Robert-Meyer-Platz zusätzlich zu dem dort schon lange bestehenden Wohnangebot offeriert wird. „In unserem Bereich haben die Menschen, die wir begleiten, die gleichen Rechte und Pflichten wie jeder Mieter“, stellt Schwarzkopf fest. Wohnen gehöre zu den sozialen und materiellen Grundlagen der menschlichen Existenz. "Das Wohnen gibt dem Menschen die Möglichkeit zur eigenen Lebensgestaltung und muss die unterschiedlichen Bedürfnisse, Wünsche und Hilfebedarfe der Mieter berücksichtigen."
Die Lebenshilfe Celle stellt mittlerweile seit mehr als 30 Jahren Wohnangebote zur Verfügung, die ganz individuelle Ansprüche abdecken. Schöpp: "Im gemeinsamen Leben wird dem Mieter die Möglichkeit gegeben, ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Selbstverantwortung zu erreichen. Ziel ist es, jedem Mieter in seinen Fähigkeiten so zu stärken, dass er eine größtmögliche Eigenständigkeit erreicht und er in der Wohnform leben kann, die seinen Wünschen entspricht. Ein Wechsel in den Angeboten ist möglich – der Bereich ist durchlässig."
"Ich bin hier ganz zufrieden", sagt Heiko Knapmeyer und macht sein Fahrrad startklar, denn er möchte noch zu seinen Eltern fahren.

Wohnangebote der Lebenshilfe Celle

Im Bereich Leben und Wohnen macht die Lebenshilfe Celle verschiedene Wohnangebote, die stationär von 124 Menschen und ambulant begleitet von 80 Menschen in Anspruch genommen werden:

Haus an der Schieblerstraße
Haus am Wulfshornberg in Hustedt (später Mozartstraße in Bergen)
Haus an der Alten Dorfstraße

Wohngemeinschaften:
Haus an der Dasselsbrucher Straße
Haus am Jagdweg
Haus am Margaretenweg
Haus an der Henriettenstraße in Bergen
Wohnung am Robert-Meyer-Platz
Haus an der Alten Dorfstraße

Cellesche Zeitung / Seite 10

Freitag, 03. November 2017

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