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Heidschnuckenbrät statt Currywurst

Die Stadt Celle wird auf der Internationalen Tourismus-Börse für ihre Nachhaltigkeit ausgezeichnet

VON MARTIN WEIN

Celle. Erstmal geht es zum Backhaus der Familie Rönitz. Hier wird schon seit 115 Jahren Brot aus heimischem Roggen, Weizen und Dinkel gebacken. Die Besucher aber probieren ein Stück ofenwarmen Butterkuchen. Wobei Butterkuchen hier nicht nur Butterkuchen heißt. Das Papier tropft. Im Anschluss marschiert man durch Fachwerkgassen weiter ins Spezialitätengeschäft Marchelle in der Mauernstraße. Dort wartet ein Cracker mit Heidschnuckenleberwurst zur Verkostung. Nach zwei Stunden zum Abschluss für die Gesundheit noch ein Schlückchen Kräuterlikör beim Alten Provisor, wie er seit drei Generationen in der Rats-Apotheke destilliert wurde.

Bei einer der neuen Genussführungen haben Besucher die Stadt Celle gewissermaßen auf der Zunge. Die setzt seit einigen Jahren umfassend auf ökonomisches, ökologisches und sozial verträgliches Handeln. Am Mittwoch wird Celle dafür auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin als Nachhaltige Destination ausgezeichnet. "Viel wichtiger als das Zertifikat aber ist das Lebensgefühl, das sich damit verbindet-für unsere Bürger und unsere Gäste", sagt Marianne Krohn, die Geschäftsführerin der Celle Tourismus und Marketing GmbH. Dieses Gefühl kann man eben auch schmecken. Krohn glaubt: "Es gibt keinen Grund, dass ein hervorragendes Menü nicht aus regionalen Zutaten aus einem Umkreis von 30 Kilometern hergestellt werden kann." Bei den Projektpartnern kämen deshalb lieber Forellen aus den Fischteichen in der Lüneburger Heide auf den Grill statt Zuchtlachs aus Norwegen.

Regionale Gerichte auf der Karte
Nachhaltigkeit - darüber denken sie in der 70000-Einwohner-Stadt am Südrand der Heide in verschiedenen Richtungen nach. So sollen Ressourcen geschont, regionale Traditionen und Arbeitsplätze erhalten und auch soziale Belange beachtet werden. Teilnehmende Hotels wie das Ringhotel Celler Hof, der Fürstenhof oder das Hotel Caroline Mathilde verpflichten sich beispielsweise, ihre Bettwäsche oder Handtücher vor Ort und möglichst umweltschonend waschen zu lassen. Drei Viertel der Frühstückszutaten stammen aus dem Umland, und auf der Speisekarte stehen mindestens zwei regionale Gerichte und Getränke wie das Celler Bier der Regionalbrauerei Carl Betz. Ökostrom, barrierefreie Zimmer oder CO,,-neu-tral gedruckte Werbemittel bringen weitere Punkte.

Das Hotel Blumlage in Celle und das Landhotel am Kloster in Wienhausen gehen noch einen Schritt weiter. Geschäftsführerin Iris Höft beschäftigt neben acht gesunden ebenso viele Mitarbeiter mit körperlichem oder geistigem Handicap - zum vollen Tariflohn. "Die Fluktuation bei uns ist sehr gering", sagt Höft. Die Leute fingen im Zimmerservice an, dann in der Küche und später oft auch im Café. "Und wenn es mit dem Rechnen beim Ab kassieren nicht so klappt, dann übernimmt das eben jemand anderes." Auf die Rentabilität des Hauses habe die hohe Quote Schwerbehinderter keinen Einfluss. "Sie sind alle hoch motiviert und machen alles mit großer Liebe. Und wir schreiben dabei schwarze Zahlen", versichert Geschäftsführerin Höft.

Neben touristischen Betrieben haben sich auch das örtliche Freizeitbad, die IHK oder die Stadtwerke als nachhaltig zertifizieren lassen. Stadtwerke-Geschäftsführer Thomas Edathy etwa ließ in allen Parkhäusern kostenlose Ökostromtanksteilen für Elektroautos aufstellen. Über einen Bürgeraufruf sammelte er binnen zehn Tagen eine Million Euro für Solaranlagen auf den Dächern von Schulen und Kindergärten. "Dort wird der Strom dann gebraucht, wenn die Sonne scheint." Edathy hat auch das nahegelegene Hennekenmoor renaturiert, das der Stadt als Trinkwasserspeicher und dem Kammmolch und dem Moorfrosch als Lebensraum dient. Und er verkauft TÜV-geprüft ausschließlich Ökostrom. Das sei eine Philosophiefrage, sagt Edathy.

"Da ist schon jetzt ein sehr starkes Gemeinschaftsgefühl entstanden, das alle beflügelt", so der Nachhaltigkeitsbeauftragte der Tourismus GmbH, Khai Nhon-Behre. "Was man früher vielleicht privat gemacht hat, das machen viele nun auch am Arbeitsplatz." Um mit gutem Beispiel voran zu gehen, kämen die 20 Mitarbeiter der städtischen Tochterfirma nur noch mit dem Rad oder zu Fuß zur Arbeit. Gedruckt wird klimaneutral und gearbeitet bei LED-Licht. Natürlich gebe es auch Herausforderungen für die Weiterentwicklung. Das historische Gebäude, in dem die Touristiker arbeiten, lässt sich kaum wärmesparend dämmen. Und die Altstadt mit ihren 500 historischen Fachwerkhäusern ist nur bedingt barrierefrei zu gestalten. "Dafür brauchen wir noch neue Ideen", sagt Behre.

Seine Chefin, die die Idee zur Zertifizierung einer ganzen Stadt vor Jahren hatte, als der städtische Kongress-Betrieb für seine Nachhaltigkeit prämiert wurde, sieht Celle dennoch auf einem guten Weg. "Regionalität und Nachhaltigkeit sind schon jetzt wichtige Argumente, gerade bei Kongressen und Tagungen", so Marianne Krohn. Mit einem eigenen Internet-Portal, das kommende Woche an den Start geht, will sie weitere Partner gewinnen. Noch ist unter den 33 Hotels und Pensionen erst jeder fünfte Betrieb dabei. Die Auslastung der 2400 Gästebetten in Celle könnte außerhalb der Sommermonate besser sein. Sie schwankte 2016 zwischen 18 und 45 Prozent. "Der Besucher soll sich hier vor allem wohlfühlen und ein paar entspannte Tage verbringen. Aber unser nachhaltiger Schwerpunkt wird auch gezielt Gäste anlocken", glaubt Krohn. Schon jetzt lassen sich Busreisegruppen im Ratskeller mit einem Spezialitätenteller verwöhnen, oder Einzelbesucher gehen auf die Genussführung. "Natürlich bekommt man auch weiterhin Currywurst", verspricht Khai Nhon-Behre, „aber Heidschnuckenbrät ist eben, was uns auszeichnet."

Weser Kurier / Seite 14
Dienstag, 7. März 2017

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