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Gelebte Gleichstellung

Celler Einrichtungen geben Behinderten Chance mit ganz normaler Arbeit

Steffi Kretzer kann sich gar nicht vorstellen, woanders zu arbeiten: Die 28-Jährige ist mit 30 Stunden im Celler Hotel Blumlage für den Service rund um das Frühstücksbüfett zuständig. "Hier könnte ich alt werden", sagt die junge Frau, die Hauswirtschaft in der Berufsschule gelernt hat. Sie lebt mit ihrem Freund zusammen in der Nähe ihres Arbeitsplatzes.
Steffi Kretzer fühlt sich wohl bei ihrer Arbeit. Genauso wie Iris Grüning, die ebenso wie Dieter Dümeland in dem Hotel arbeitet. Beide sind im Bereich Housekeeping tätig. "Ich bin stolz darauf, dass ich das geschafft habe", sagt Dümeland und bezieht ein Bett in dem 32-Zimmer-Hotel frisch. Er komme auch nach Dienstschluss hier oft vorbei, um zu schauen, ob alles in Ordnung sei, sagt der 46-Jährige und erinnert sich, dass vor einigen Jahren das Nachbargebäude in Flammen stand. "Da hab ich sofort Frau Höft angerufen."
Die Hotelfachfrau Iris Höft ist seine Chefin: "Unser Team stellt sich der Herausforderung einer beruflichen und sozialen Integration von Menschen, die mit einer geistigen und/oder körperlichen Beeinträchtigung leben", sagt sie. "So sorgen unsere Mitarbeiter mit und ohne Beeinträchtigung für eine einmalige Atmosphäre und für die Zufriedenheit unserer Hotelgäste. Für uns steht die Begegnung zwischen Menschen mit und ohne Behinderung im Vordergrund."
Dabei sind die Mitarbeiter beider Hotels der Hotelbetriebsgesellschaft gGmbH (das sind das Hotel Blumlage in Celle und das Hotel am Kloster in Wienhausen) zwar schwerpunktmäßig einem Haus zugeteilt, können aber in dem anderen Bereich ebenso eingesetzt werden. "Und das wollen viele auch, weil es interessanter und spannender für sie ist", stellt Höft fest. Dieter Dümeland zum Beispiel freut sich immer wieder auf die Arbeit in dem jeweils anderen Hotel. "Ich bin sehr viel mit dem Fahrrad unterwegs und manchmal fahre ich auch nach Wienhausen", sagt er.
Ferhan Alkis ist Kurde. Er hat bis 2015 in der Lebenshilfe-Werkstatt im Bereich Rohrfolierung gearbeitet. "Das fand ich ziemlich langweilig und eintönig", sagt der 30-Jährige, der mit seinem Bruder in einer WG lebt und der gern seinen Großvater in Osnabrück besucht.
Nach mehreren Praktika in den Hotels der Lebenshilfe Celle belegt er jetzt einen betriebsintegrierten Arbeitsplatz zur Vorbereitung eines Übergangs in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Er erhält sehr bildliche und gewissermaßen unübliche Arbeitsanweisungen, denn er hat Schwächen im Lesen, Schreiben und Rechnen. "Das wissen wir und das ist für uns auch überhaupt kein Problem", beschreibt Iris Höft ihren sozialpädagogischen Ansatz.
Mit zeichnerischen Elementen wird der Arbeitsalltag für Alkis strukturiert: Ein grüner Farbpunkt bedeutet für ihn frei; Rot steht für Dienst im Hotel Blumlage und Blau für Dienst im Hotel am Kloster und im dazugehörigen Kloster-Café in Wienhausen. "Das klappt alles sehr gut", stellt Höft auch das erforderliche Engagement der Arbeitgeber in den Vordergrund. "Die Arbeitgeber müssen sich natürlich darauf einrichten und sich geeignete Methoden überlegen, um die Schwächen zu kompensieren, wenn sonst alle Qualifikationen gegeben sind."
Das Hotel am Kloster in Wienhausen hat sich dem Verbund der Embrace-Hotels angeschlossen. Einem Verband, in dem über 30 integrative Hotelbetriebe aus Europa zusammengeschlossen sind, die im Sinne der Inklusion arbeiten und bei ihrem Angebot die Besonderheit und die individuellen Bedürfnisse ihrer Gäste und ihrer Mitarbeiter in den Mittelpunkt stellen. Das ist ein Verbund professionell geführter Hotels, die dieser Idee Leben und Impulse geben – barrierefrei im wörtlichen und übertragenen Sinn, erlebbar für alle.
Am Anfang stand die Idee, die Welt nicht in Gewinner und Verlierer zu teilen. Höft: "Hier wird bewusst, dass alle Menschen gleich wertvoll für die Gesellschaft sind, wenn sie sich mit ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten entwickeln und einbringen können. Die Gäste spüren bei uns eine Herzlichkeit und Unbefangenheit, die sie vielleicht noch nie erlebt haben und die ihnen das angenehme Gefühl vermitteln, als Gast willkommen und als Mensch erwünscht zu sein. Sie erleben begeisterte Menschen jeden Alters, die ihnen hochmotiviert aufmerksame Gastgeber sind."
Die beiden Hotels sind aber auch Teil des Stufenkonzeptes des Fachdienstes für berufliche Integration der Lebenshilfe gGmbH in Celle. Dazu gehören Praktika, arbeitspädagogisch begleitete Arbeitsplätze und Arbeitsverhältnisse auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. "Wir begleiten und unterstützten aktuell in unseren eigenen Werkstätten und in Unternehmen, mit denen wir kooperieren, rund 650 Menschen", sagt Lebenshilfe-Prokurist Justin Bangemann.
22 Werkstattbeschäftigte sind zurzeit auf ausgelagerten Arbeitsplätzen tätig, beispielsweise in Baumärkten, Heimen oder auch in der Hotellerie. Sieben Menschen mit Handycap wurden inzwischen in den ersten Arbeitsmarkt integriert. Etwa bei der Samtgemeinde Wathlingen und im 4-G-Park. "Hier ist echte Integration passiert", freut sich Bangemann. Weitere 40 Werkstattbeschäftigte gehen in festen unterstützten Gruppen in Firmen in Stadt und Kreis Celle einer Arbeit nach.

"Gemeinsam können wir Inklusion für alle schaffen"

Wienhausen. Bereits während der Gartenschau "Blumen & Ambiente" in Wienhausen am vergangenen Wochenende, haben das Hotel Blumlage in Celle und das Hotel am Kloster in Wienhausen mit ihrem Kaffee- und Kuchenstand auf den europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am heutigen Freitag hingewiesen. Der Aktionstag wurde 1992 von den Interessenvertretungen "Selbstbestimmt leben Deutschland" ins Leben gerufen und wird jährlich begangen.
"Ziel des Tages ist es, die für eine Gleichstellung behinderter Menschen erforderliche rechtliche Grundlage zu schaffen", sagt Iris Höft, Chefin des Hotels Blumlage in Celle und des Hotels am Kloster in Wienhausen. Sie hat sich einen Button der „Aktion Mensch“ zur Inklusion an die Jacke geheftet. "Das Datum des 5. Mai wurde gewählt, da an diesem Tag auch der Europatag des Europarates stattfindet und so gezeigt werden soll, dass alle Menschen europaweit gleichgestellt sein sollen." In einer inklusiven Gesellschaft sei es normal, verschieden zu sein, findet sie. "Jeder ist willkommen – und davon profitieren wir alle."
Inklusion ist ein Menschenrecht, das in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben ist. Deutschland hat diese Vereinbarung unterzeichnet. Der Aktionstag macht auf die Lage von Menschen mit Behinderungen aufmerksam. Dann gehen viele Menschen mit und ohne Behinderung auf die Straße und setzen sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung ein. „Gemeinsam können wir Inklusion für alle schaffen.“ Dann sei eine Gesellschaft für alle Menschen nicht nur ein Traum.
"In Lobetal protestieren wir nicht", sagt Lobetal-Sprecher Markus Weyel. "Wir setzen viel lieber eigene Akzente gelebter Inklusion. Dazu gehören für uns zum Beispiel die Wohnprojekte in der Amelungstraße und in der Rostocker Straße." Hier leben Menschen mit Behinderung mitten im Quartier. "In unserem Wohnprojekt in der Kirchstraße, das demnächst fertiggestellt wird, werden Menschen mit und ohne Behinderung sogar gemeinsam unter einem Dach wohnen."
Seit vielen Jahren findet Inklusion zudem auf dem Lobetal-Abenteuerspielplatz statt – ein Ort der Begegnung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. "Hier steht nicht die Behinderung, sondern das gemeinsame Spielen im Vordergrund", unterstreicht Weyel. "Nicht zuletzt wird Inklusion bei unseren Festen und dem Lobetal-Open-Air gelebt. Hier begegnen sich Menschen, um gemeinsam zu feiern und Musik zu genießen, egal ob mit oder ohne Behinderung."
Die vollständige Teilhabe von Menschen mit Behinderung am gesellschaftlichen Leben ist auch ein Kernpunkt der niedersächsischen Sozialpolitik: Von Anfang an sollen Menschen mit Behinderungen gemeinsam mit Menschen ohne Behinderungen in allen Lebensbereichen selbstbestimmt zusammenleben können, betont das Sozialministerium, "denn sie gehören nicht an den Rand, sondern in die Mitte der Gesellschaft. Dieser Prozess wird mit zahlreichen Maßnahmen wie dem Budget für Arbeit und der Förderrichtlinie zur Stärkung der Inklusion vor Ort weiter gefördert und verstetigt."
Der Aktionsplan Inklusion 2017/2018 wurde im Januar von der Niedersächsischen Landesregierung beschlossen. Erarbeitet worden ist er aus den Ergebnissen der Fachkommission Inklusion, in der Menschen mit Behinderungen und Verbände mitgearbeitet haben, sowie den Ergebnissen eines Arbeitskreises aller Ministerien und der Staatskanzlei der Niedersächsischen Landesregierung. (lhb)
 

Cellesche Zeitung / Seite 10
Freitag, 5. Mai 2017

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