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Ein Zeichen von Normalität

Mit leichter Sprache Weltgeschehen verstehen: Lebenshilfe und Lobetal bieten politische Weiterbildung

CELLE. Ich gehe nicht wählen, das bringt doch eh nichts. Ach was, es wird schon wieder gewählt? Wann ist die Wahl überhaupt? Für Alexander Herrlinger, einer der rund 800 Lobetal-Bewohner, sind solche Sätze unvorstellbar. „Einige meiner Freunde sind politisch interessiert und wollen gerne wählen, aber dürfen das nicht“, erzählt der 23-Jährige. Denn laut Bundeswahlgesetz sind nicht nur die Deutsche Staatsbürgerschaft und ein Mindestalter von 18 Jahren für das Wahlrecht bei der Bundestagswahl erforderlich. Braucht man eine Vollbetreuung, wird man von der Wahl ausgeschlossen.

Ist dieser Wahlausschluss gerecht? Diese Frage wird schon seit Jahren kontrovers in der Politik diskutiert. Auch die Betreuer von Lobetal oder der Lebenshilfe haben dazu ihre ganz eigene Position. Christoph Kühnle ist Mitarbeiter der Lebenshilfe und bietet für die Beschäftigten den Kursus "Politische Bildung" an. "Das Gesetz ergibt zum Teil schon Sinn", findet der 43-Jährige. Man müsse jede Betreuungssituation individuell betrachten. "Ein Koma-Patient wäre zum Beispiel gar nicht in der Lage, zu wählen."

Die Lobetal-Mitarbeiterin Melanie Felgentreu sieht das hingegen anders: Jeder sollte das Recht haben, zu wählen. Schließlich habe dieser Akt auch etwas "mit Normalsein" zu tun. "Diejenigen, die davon ausgeschlossen sind, fragen sich dann automatisch: Warum bin ich mit meiner Behinderung so anders, dass ich nicht mehr wählen darf?", so die 23-Jährige.

Wer 18 Jahre alt ist, darf bei der Bundestags-Wahl wählen. Aber nicht jeder bekommt einen Wahl-Zettel. Einige Menschen mit einer Behinderung dürfen nicht wählen. Das hängt von ihrer Pflege-Stufe ab. Im Gesetz steht: Wer eine Voll-Betreuung hat, darf nicht wählen. Voll-Betreuung bedeutet: Man muss rund um die Uhr betreut werden. Horst-Dieter Paes arbeitet als Beschäftigter in der Werkstatt der Lebenshilfe Celle. Trotz einer Beeinträchtigung darf er wählen. Einige seiner Freunde dürfen nicht wählen. Diese Freunde haben eine Voll-Betreuung. Horst-Dieter Paes findet das nicht gut. Er sagt: "Jeder Mensch sollte wählen dürfen." Wer das nicht so gut kann, braucht Unterstützung. Wenn man einen Betreuer hat, dann sollte dieser beim Wählen helfen. Den Betreuern muss man vertrauen können. Sie dürfen nicht das Kreuz auf dem Wahl-Zettel machen. Denn das muss man alleine machen. "Jeder Mensch hat seine eigene Meinung", sagt Horst-Dieter Paes. Deshalb ist es wichtig, zur Wahl zu gehen. Seine Freunde und er haben viele Wünsche an die Politiker. In Celle sollte es mehr Freizeit-Angebote für Menschen mit einer Beeinträchtigung geben. Zum Beispiel Rollstuhl-Basketball. Es muss auch mehr behinderten-gerechte Toiletten geben. Ihre Wünsche bestimmen ihre Wahl-Entscheidung bei der Bundestags-Wahl. Die Politiker sollten ihre Wünsche umsetzen.

In ganz Deutschland sind etwa 71.000 beeinträchtigte Menschen von der Wahl ausgeschlossen. Von den mehr als 800 Celler Lobetal-Bewohnern und etwa 650 Beschäftigten der hiesigen Lebenshilfe darf der Großteil wählen. Obwohl laut Gesetz zwischen den wahlberechtigten und den nicht-wahlberechtigten Menschen mit einer Behinderung unterschieden werden muss, machen die Celler Einrichtungen diese Kategorisierung nicht – im Gegenteil. Jeder ihrer Bewohner kann das umfangreiche Angebot der politischen Bildung nutzen.

Musa Gevci besucht in der Lebenshilfe den Kursus "Politische Bildung". Dort wird den Teilnehmern das Prinzip der Wahl erklärt, sie lesen zusammen Wahlprogramme in leichter Sprache und probieren den Wahl-O-Mat aus. Für diejenigen, die am Kursus nicht teilnehmen, gestalten Gevci und seine Mitstreiter einen informierenden Wahlstand.

Die Bundestagswahl ist momentan eines der bestimmenden Themen in den deutschen Medien. Das Wahlrecht von Menschen mit Behinderung spielt in dem Wahlkampf kaum eine Rolle. Doch allmählich findet ein Umdenken in der Politiker-Riege statt. Fast alle großen Parteien geben mittlerweile ihr Wahlprogramm auch in leichter Sprache heraus. Diese zeichnet sich durch kurze Hauptsätze in schnörkelloser Schrift aus. Fremdwörter werden vermieden, und jeder Satz beinhaltet nur eine Aussage. Gedruckt wird in möglichst großer Schrift. Der untere Text auf dieser Seite orientiert sich an diesen Vorgaben und erläutert Politik besonders leicht verständlich.

Auch außerhalb des Kurses informieren sich einige Teilnehmer über Politik. "Wenn die Zeit zum Wählen kommt, schaue ich Monate vorher die Nachrichten und lese mir im Internet Wissen an", erzählt Gevci. Wenn er dann in der Wahlkabine steht, gehe er nach dem Gefühl. "Einige haben mir gesagt: Geh nicht wählen, das bringt eh nichts. Aber mir ist wählen wichtig, also mach ich das", betont der 39-Jährige.

Bei den internen Wahlen zur Werkstatt- und Bewohnervertretung dürfen grundsätzlich alle wählen. Auf den Wahlzetteln ist ein Foto von den Kandidaten abgebildet – für diejenigen, die nicht lesen können.

Generell gilt: Nur wer wählen geht, könne etwas an den jetzigen Umständen ändern, sind sich alle Kursus-Teilnehmer einig. Und ihre Liste mit Änderungswünschen ist lang, auch in Bezug auf Celle. "Am Schlossplatz gibt es nur eine barrierefreie Toilette, und die ist meistens gesperrt", beklagt Gevci. Ehe er mit seinem Rollstuhl das nächste Geschäft – mit Fahrstuhl und ohne Treppen – angesteuert hat, vergeht viel Zeit. Der Bus ist dann bei seiner Rückkehr oft schon abgefahren.

Auch an die Politiker stellen die Bewohner und Mitarbeiter der Lebenshilfe Forderungen. Sie sollen Menschen mit Behinderung mehr Beachtung schenken. Die Assistentin der Werkstattleitung Petra Zoch-Fischer sagt: "Viele Äußerungen der Politiker sind sehr verklausuliert und so schon schwierig zu verstehen. Wie soll das dann erst ein beeinträchtigter Mensch können?"
Audrey-Lynn Struck

Cellesche Zeitung / Seite 24

Samstag, 16. September 2017

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