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Spiegel der Seele

Tiere als Mentaltrainer

Hunde, Katzen, Pferde, Lamas und Delfine.
Wenn Menschen auf konventionelle Therapien nicht reagieren, können diese Tiere zu Mentaltrainern werden. So theoretisch sich der Begriff "Tiergestützte Therapie" liest, so eng und persönlich wird der Kontakt von Mensch und Tier in der Praxis. Ob zappelige Kinder oder gestresste Erwachsene – Tiere helfen bei körperlichen und seelischen Beschwerden. Aber nur wer ihnen ruhig und ausgeglichen gegenübertritt, gewinnt ihr Vertrauen.


Kerstin ist eher der zurückhaltende Typ. Ihr Kollege Peter bei  der Lebenshilfe stürmt auf jeden Gast zu, schüttelt ihm die Hand und erzählt euphorisch vom nächsten Puhdys-Konzert. Die 51-Jährige dagegen sitzt im Gruppenraum für ältere Beschäftigte und wartet einfach ab. Kerstin spricht nur, wenn sie auch wirklich muss. Wenn Peter sie etwas fragt, antwortet sie mürrisch. Doch wenn Abby in den Raum tapst, ändert sich Kerstins Stimmung schlagartig. Dann zaubert ihr die Hündin ein Lächeln ins Gesicht.



Abby ist ein Australian Shepherd und gehört damit zu einer Hunderasse, die für die Hütearbeit gezüchtet wurde. Allein vom Spazierengehen fühlt sich die vierjährige Hündin unterfordert. Sie braucht mentale Herausforderungen. Bei Daniela Kübler findet Abby sie, da sie die Erzieherin zur Arbeit bei der Lebenshilfe begleitet, seit sie zwölf Wochen alt ist. Dort hat Abby bei der tiergestützten Therapie ihre Aufgabe und bringt einsilbige Zeitgenossen wie Kerstin zum Plappern.

Die tiergestützte Therapie umfasst alle zielgerichteten Maßnahmen, bei denen der Kontakt zu Tieren das Leben von Menschen positiv verändern soll: Borderline-Patienten bekommen durch Hunde eine Tagesstruktur. Autisten lernen mit Eseln, ihre Scheu vor Berührung zu verlieren. Depressive machen über den Kontakt zu einem Tier erste Schritte zur Kommunikation mit anderen Menschen.
Die Therapie mit Alpakas gehört zu den relativ neuen Formen der mentalen Arbeit. Seit vier Jahren hält und züchtet Annika Rodehorst vom Bungenhof in Klein Hehlen diese besonders gutmütigen und sanften Tiere. Zur Alpaka-Herde gehören momentan elf Stuten und fünf Hengste. Für das Training mit den Tieren hat sie den „Target Stick“, einen Zeigestab mit einer grünen Kugel an der Spitze. Damit gibt die 36-Jährige Kommandos, und immer wenn die Alpakas ihre Sache gut gemacht haben, klickt es kurz und sie bekommen Möhrchen zur Belohnung. Mit dem „Klickern“ konditioniert Annika Rodehorst die Tiere. Jedes Alpaka kennt die Angestellte im Großhandel mit Namen und kann von jedem die Vorlieben und Ängste aufzählen: „Hier stehen viele verschiedene Persönlichkeiten im Stall: Cleo ist frech wie Rotz. Zora liegt am liebsten herum. Anaïs lässt sich gerne berühren und Eske ist ein Naturtalent und reicht sogar die Hufe.“

Alpakas sind Fluchttiere. Wer sich der Herde nähert, muss sich vorsichtig und langsam bewegen, sonst machen die Tiere einen Satz nach hinten. Wenn sie sich bedroht fühlen, spucken sie – auf fünf Meter genau. Doch stören sie sich nicht an den Menschen, wenn diese sich ruhig unterhalten. Dann bauen sich die Alpakas auf, wie vor einem großen Lagerfeuer und lauschen den Worten. Nach und nach kommen die Tiere Stück für Stück näher, senken die dünnen Hälse, gucken mit ihren großen Augen, was sich da bewegt - und wenn es nur Zettel und Stift sind. „Die Tiere haben einen Spürsinn, der uns Menschen abhandengekommen ist“, findet Annika Rodehorst. Die Alpakas nehmen sich vor allem Kindern an und gehen behutsam mit ihnen um. In der Therapie sollen Menschen die ruhige Ausstrahlung der Tiere aufnehmen.

Alpakas sind keine üblichen Kuscheltiere, auf die man direkt zugehen kann - auch wenn sie mit ihrem weichen Fell und ihren großen Augen dazu einladen. „Mit ihnen kamt man besser mental arbeiten als körperlich“, ergänzt Nicole Brützke. Die Ergotherapeutin bringt viel Erfahrung mit: Sie hat in der Psychiatrie, im Krankenhaus, in Altenheimen und ambulant gearbeitet. Für das Persönlichkeitstraining gebe es kein Rezept, kein Standardprogramm: „Man sollte die Menschen dort abholen, wo sie in ihrer Entwicklung stehen. Jeder Mensch ist ein Individuum“, erklärt Nicole Brützke. „Tier und Mensch müssen sich auf die Therapiesituation einlassen können. Tiere blockieren sofort, wenn der Mensch unklar ist.“ Mit den Alpakas zusammengekommen sind auch schon Burn-out-Patienten, die nicht mehr geschafft haben, nach der Arbeit herunterzukommen. Auf einem Spaziergang mit den Tieren in der Natur haben sie Kraft getankt und die liebevollen Erfahrungen mit in ihren Alltag genommen.

Die Herdentiere sind nur schwer voneinander zu trennen. Für eine Therapiesituation sind zwei, drei Tiere für das Zusammenspiel optimal. „Am Abend vorher suche ich die Tiere gezielt aus, denn auch Alpakas haben wie wir Menschen gute oder schlechte Tage“, betont Annika Rodehorst. Doch für Antons erste Begegnung reicht ein Tier aus. Der Sechsjährige ist ziemlich schüchtern. Er hat Respekt, wenn nicht sogar ein bisschen Angst vor Tieren. Er ruft sofort nach seinem großen Bruder: „Kann Paul auch mitkommen?“ Nicole Brützke antwortet: „Wir versuchen es mal ohne deinen Bruder.“ Die Ergotherapeutin ist ihm eine große Stütze, sie sagt Anton, wie er mit Schoko umgehen muss. „Sie ist sehr umgänglich, wenn der Mensch gedanklich bei sich bleibt“, erklärt Nicole Brützke und sagt zu Anton: „Halte den Strick ganz fest.“ Anton soll das schwarze Alpaka am Halfter über die Wiese führen. Für die vielen Aufgaben auf einmal muss er sich richtig konzentrieren.

Anton muss den Takt vorgeben: nicht zu schnell, sonst zerrt er das Tier; nicht zu langsam, sonst übernimmt das Tier die Führung. Er darf nicht nur das Tier beobachten: „Du solltest beim Vorwärtsgehen auch deinen Blick mit nach vorn richten.“ Sonst kommen die drei nicht an der gewünschten Stelle an. Selbst 50 Meter werden da zur Herausforderung. Nicole Brützke spricht Anton Mut zu. Schoko bewegt sich so vorsichtig vorwärts wie er, folgt aufmerksam, bis er sich ablenken lässt. Plötzlich gibt Schoko die Richtung vor.

Nicole Brützke greift ein und fragt Anton: „Hast du bemerkt, was gerade passiert ist? Warum Schoko woanders hinwollte?“ Anton zuckt mit den Schultern. „Du warst abgelenkt und hattest den Gedanken: Ich muss mich jetzt am Knie kratzen. Dabei hast du kurz vergessen, Schoko zu führen. Dann nutzt das Tier die Gelegenheit, das zu machen, was ihm gerade in den Sinn kommt: fressen, stehen bleiben, die Führung übernehmen.“ Die letzten Meter zieht Anton eisern durch. Als Nicole Brützke den Strick übernimmt, fällt von Anton sichtlich die Anspannung ab. Er wuschelt sich mit beiden Händen durch die Haare. Danach versucht Nicole Brützke einen Abschluss zu finden, der gut für alle Beteiligten ist, um bald wieder Zusammenarbeiten zu können: Nun soll Anton seine Hand aufhalten imd Schoko Futter geben. „Das kitzelt ganz schön“, sagt Anton.



Erzieherin Daniela Kübler kann über das Medium „Hund“ bei Menschen mit Behinderungen schneller einen Kontakt herstellen und die Aufmerksamkeit halten. Hunde sind einfühlsam, anpassungsfähig, können durch Mimik und Körpersprache kommunizieren, genießen gemeinsame Aktivitäten und fordern heraus. Sie nehmen Emotionen, Lebenskraft und Konflikte im Menschen wahr und reagieren mit seismografischer Sensibilität und stabilisierender Instinktsicherheit darauf. Sie spiegeln so den Charakter in verblüffender Weise. Gleichzeitig nähern sie sich Menschen vorurteilsfrei und akzeptieren jeden ohne Bewertung seiner körperlichen, geistigen oder psychischen Defizite. Die Entscheidung, ob eine Beziehung zustande kommt oder nicht, hängt vom Gegenüber ab. Bei Menschen, die Angst vor Tieren haben, hält sich der Hund instinktiv zurück. Wenn jedoch Interesse besteht an der Begegnung können beide auf vielfältige Art profitieren.

Abby hat als Hütetier die Gabe, eine ganze Gruppe von Menschen im Blick zu halten. Einmal hatte sie mit Daniela Kübler sechs Kinder um sich herum. Als die Kita-Gruppe aufbrechen wollte, rührte sich Abby nicht vom Fleck, denn ein schüchternes Kind war noch nicht so weit und blieb sitzen. „Abby hat es bemerkt, obwohl das Kind überhaupt nicht aufdringlich war“, erzählt Daniela Kübler. Beeindruckt von den Berichten und wissenschaftlichen Nachweisen über die Wirksamkeit der „Tiergestützten Therapie“, entschied sich die Lebenshilfe Celle dazu, das neue Angebot auszuprobieren.

Wie der Mensch auch musste Abby zuerst in die Lehre gehen. Ein Jahr lang nahm Daniela Kübler sie mit zur berufsbegleitenden Weiterbildung. Zusätzlich stand zweimal wöchentlich Hundeschule auf dem Stundenplan. Am Ende galt es, zusammen als Team einen Wesenstest zu bestehen. Dabei mussten sie beweisen, dass Abby als Therapiehund geeignet ist. Das ist gar nicht so einfach, wenn sich jede Unruhe von Mensch auf Hund überträgt. „Wenn ich aufgeregt bin, ist es Abby auch“, betont Daniela Kübler. Die große Prüfung haben beide bestanden. Und nun muss sich Abby Tag für Tag ihre Belohnung verdienen.

Es gab viel zu tun bei der Lebenshilfe. Schon während der Ausbildung begleiteten die beiden wöchentlich rund 40 Personen der gesamten Einrichtung in Einzeltrainings von etwa 20 Minuten oder bei großen Spaziergängen mit der Gruppe. „Mit einem Mal wollten Menschen wandern gehen, die man sonst gar nicht oder schwer motivieren konnte, einen Fuß vor die Tür zu setzen“, berichtet Daniela Kübler.

So ähnlich ist es auch bei Kerstin. Auch wenn sie es nicht gewohnt ist, den Ton anzugeben, muss sie bei der Therapie die Führung übernehmen: Sie muss den Ball werfen, Abby rufen und über die Wiese scheuchen. Und den Hund mit Streicheleinheiten oder Leckerlis belohnen. Je mehr Kerstin aus sich herausgeht, umso freudiger kehrt Abby vom Ball-holen zurück: Kerstin klatscht immer lauter, nimmt den Hund mit offenen Armen auf und bedankt sich. Wenn Kerstin die Leckerlis auf dem Rasen verteilt, ist Abby richtig gefordert, sucht und sucht fast eine Minute lang alles ab. Überwinden muss sich Kerstin, wenn sie Abby das Leckerli direkt aufs Pfötchen legen soll. „Traust du dich das, Kerstin?“, fragt Daniela Kübler. Nach zwanzig Minuten Therapie ist für Kerstin erst einmal der Tag gerettet und für die nächsten Tage hat sie wieder genügend Gesprächsstoff: „Das habe ich gut gemacht“, sagt sie stolz über sich selbst.

Doch auch ein Therapiehund braucht nach zwei bis drei Einheiten am Tag Ruhe und Daniela Kübler muss darauf achten, dass Abby nicht zu viele Überstunden schiebt. Denn mehr als die Hälfte der Bewohner des Wohnheims Dr. Kühl wollte anfangs regelmäßig mit Abby spielen. 26 Werkstattbeschäftigte standen auf der Warteliste für die Einzelsitzungen. Das war für Abby allein nicht mehr zu schaffen. Denn wenn der Hund überfordert ist, besteht die Gefahr, dass Abby nicht mehr gerne zur Arbeit geht.



Deswegen hat sie einen jungen dynamischen Kollegen an die Seite bekommen: Border Collie Tony giert nach Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten. Für jedes liebe Wort hat er ein Kunststückchen parat und jagt seinen eigenen Schwanz. „Was machst du denn da?“, fragt Kerstin. Wer einen Schritt auf Toni zugeht, wird gnadenlos abgeschleckt. Der Genießerhund ist mm ein festes Mitglied der Gruppe für ältere Beschäftigte. Im Aufenthaltsbereich hat er seinen festen Platz. Kerstin, Peter und Co müssen sich darum kümmern, dass er immer genug Wasser, Futter und Bewegung bekommt und nicht nass wird, wenn er draußen ist. Da, wo früher bei jeder Gelegenheit der Fernseher lief, läuft heute nur noch der Hund.

Text: Dagny Rößler
Fotos (im PDF): Ingo Misiak
Fotos (im Text): Lebenshilfe Celle

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