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Langer Weg zur Integration

Projekt mit Behinderten an Albrecht-Thaer-Schule

Im Rahmen eines Pilotprojektes werden zurzeit drei Jugendliche mit Down-Syndrom in der Albrecht-Thaer-Schule BBS 3 unterrichtet. Sie besuchen für zwölf Monate das Berufsvorbereitungsjahr als Vollzeitschule. Für die Jugendlichen können sich wertvolle berufliche Perspektiven entwickeln.

Lena (16), Alec (17) und Tabea (17) kennen sich schon lange: Bereits seit der Grundschule sitzen sie in einer Klasse zusammen. Jetzt im Berufsvorbereitungsjahr Hauswirtschaft/Pflege (BVJ) in der Albrecht-Thaer Schule BBS 3 in Altenhagen lernen sie wieder gemeinsam. Die drei Jugendlichen haben durch ihre Beeinträchtigung sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf. Sie besuchten bis zum Sommer die Oberschule auf der Heese und erhielten dabei Hilfen durch Förderschullehrer und Schulbegleiter.
Um den Dreien den Übergang in einen Beruf zu erleichtern, nehmen sie nun an dem Pilotprojekt teil, das erst zu Beginn des Schuljahres eingerichtet wurde: Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf "Geistige Entwicklung" besuchen ein reguläres Berufsvorbereitungsjahr. Das ist für Jugendliche vorgesehen, die die allgemeinbildende Schule ohne Abschluss verlassen haben, keine Berufsausbildung beginnen, aber noch schulpflichtig sind.
Das Konzept für dieses Projekt wurde in enger Zusammenarbeit aller Celler berufsbildenden Schulen erstellt, denn sie arbeiten gemeinsam an der Umsetzung der Inklusion. Das Besondere: Erst ab 2018 werden beeinträchtigte Schüler das Recht haben, im Rahmen der Inklusion an einer Berufsschule unterrichtet zu werden. Celle macht sich bereits jetzt auf den Weg zur inklusiven Schule.
Klassenlehrerin Ina Mahler bespricht gerade im Unterricht Zahnpflege und Mundhygiene. "Doch, das ist schon eine besondere Herausforderung, denn die Spanne der Lernfähigkeit ist ziemlich groß", sagt die Berufsschullehrerin über ihre Lern-gruppe. Da komme die im BVJ grundsätzlich geringe Schülerzahl der Arbeit sehr zugute.
Lena, Tabea und Alec werden gemeinsam mit ihren Mitschülern unterrichtet. Drei Tage fachpraktischer Unterricht in Hauswirtschaft und Pflege stehen auf dem Stundenplan. Hinzu kommen Sport, Fachtheorie und allgemeinbildende Fächer. "Da, wo es nötig ist, werden die Lerninhalte für Tabea, Lena und Alec verändert", betont Mahler. Auch in den Leistungskontrollen gelten für sie andere Anforderungen. "Genauso wie ihre Klassenkameraden werden aber die drei Jugendlichen Betriebspraktika zur Berufsorientierung machen."
Alec will beim Hausmeister der Waldwegschule und Lena in einem Altenheim hospitieren. "Ich möchte dann auch noch ein Praktikum im Tierheim machen", sagt Tabea. Sie kann sich eine Tätigkeit als Tierpflegerin gut vorstellen.
Spaß und Entspannung suchen die drei während der Unterrichtspausen am Kicker im Eingangsbereich der Schule. "Genau", sagt Lena und macht einen Einwurf mit dem kleinen weißen Ball. Tabea und Alec warten schon auf der anderen Seite des Spieltisches. Es sei bisher ein sehr holpriger Weg gewesen, findet Peter Rohde, Lenas Vater. Zwar würde immer wieder viel von Inklusion gesprochen, die Realität sähe aber doch noch anders aus: "Das Umsetzen der UN-Behinderten-konvention ist immer noch ein neues Thema. Es fehlt einfach an Förderschullehrern."
An runden Tischen wurden die Probleme offen benannt und mit allen Beteiligten erörtert. "Die Lehrer fühlen sich oft allein gelassen", stellt Rohde fest. Als Vorsitzender des Vereins "gemeinsam leben - gemeinsam lernen Celle" stellt er immer wieder Gesprächsbedarf fest. Seit 2009 besteht der Verein in Celle, der für viele Eltern beeinträchtigter Kinder Ansprechpartner ist. Rohde: "Vielfach ist unser Verein auch Türöffner für die Eltern betroffener Kinder."
Natürlich gibt es viele Einrichtungen, die den Kindern mit Beeinträchtigungen helfen können, aber wenn Eltern möchten, dass ihre Kinder „möglichst normal“ und im Rahmen der Möglichkeiten selbstständig leben, so wird es schwierig. "Deshalb begrüßen wir die Bereitschaft der Albrecht-Thaer-Schule, dieses Pilotprojekt zu realisieren", freut sich Rohde.
Insgesamt betrachtet, ist der Weg zur echten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung noch lang. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage des Allensbach-Instituts in Deutschland. Der aktuellen Studie zufolge hat nur jeder fünfte Bürger (22 Prozent) Kontakt zu Menschen mit einer geistigen Behinderung, sei es in der eigenen Familie, dem Verwandten- oder Bekanntenkreis.
"Die Bevölkerung ist ganz überwiegend der Auffassung, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung nur eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können", zitiert der Geschäftsführer der Lebenshilfe Celle, Clemens M. Kasper, die Allensbach-Studie, die im Auftrag der Bundesvereinigung Lebenshilfe durchgeführt wurde.
Lothar H. Bluhm

Cellesche Zeitung / Seite 10
Freitag, 11. März 2016

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