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Werkstattrat-Mitglied Musa Gevci

Der Joker des Trainers

Rollstuhlfahrer Musa Gevci ist trotz seiner Behinderung viel in Celle unterwegs

Dagny Siebke

So oft es geht, dreht Musa Gevci seine Runden durch die Celler Innenstadt. Mit seinem Rollstuhl fährt er häufig von der Heese über Neustadt und Bahnhofstraße zum Schloßplatz. An der Fontäne im Französischen Garten macht er eine Pause, bevor es zurück nach Hause geht. „Im Sommer bin ich nach der Arbeit jeden Tag unterwegs“, sagt der 41-Jährige. „Ich muss mich bewegen, so bleibe ich fit und kann abschalten. Mit 60 Jahren kann ich immer noch vor dem Fernseher sitzen.“ Gerne trifft er auf seiner Runde Freunde oder Kollegen auf einen Kaffee: „Privat habe ich mehr Freunde, die keine Beeinträchtigung haben.“

Musa Gevci wurde mit einem offenen Rücken geboren. Direkt nach der Geburt wurde er operiert, wobei ein Nerv getroffen wurde. „Ich fand es gut, dass ich von Anfang an wusste, dass ich Probleme beim Laufen haben werde“, stellt er fest. Zunächst nutzte er Gehhilfen, machte täglich Krankengymnastik, drehte seine Runden zu Hause in der Wohnung. „Als ich acht Jahre alt war, haben mir die Ärzte gesagt, dass ich irgendwann im Rollstuhl sitzen werde“, erzählt er. „Sie haben es mir so erklärt, dass ich es in diesem Alter verstehen konnte.“ Mit etwa elf Jahren fing es an, dass er seine Füße nicht mehr so bewegen konnte, wie er wollte. „Früher bin ich gerne Dreirad gefahren, jetzt kann ich das vergessen“, sagt er.

Manchmal hätte er sich gewünscht, heutzutage geboren zu seien, sagt Musa Gevci. „Zu meiner Zeit war es noch schwer für Kinder mit Beeinträchtigungen, eine normale Schule zu besuchen. Ich habe das ein Jahr ausprobiert, aber ich kam nicht hinterher.“ Jetzt sind Aufzüge und größere Toiletten weiter verbreitet, Schulbegleiter helfen Schülern mit Beeinträchtigung, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Während der Schulzeit habe sich Musa Gevci bei Problemen schnell zurückgezogen, berichtet er. „An meiner Förderschule gab es zwar mehrere Ausländer, doch ich war der einzige Ezide. Jeden Tag wurde ich von türkischen Mitschülern angegriffen. Ich habe mich nie getraut, den Mund aufzumachen und bin heulend zum Lehrer gegangen.“ Da er in einer Wohngruppe untergebracht war, sah er seine Familie nur an ein oder zwei Wochenenden. „Mit der Zeit ist die Sehnsucht nach meinen Eltern und Geschwistern immer größer geworden“, so Gevci. Doch beim Basketballspielen in gemischten Gruppen kam er während der Schulzeit auf andere Gedanken. „Bei Turnieren war ich der Joker des Trainers“, erzählt der Rollstuhlfahrer stolz. „Er hat mich immer eingesetzt, wenn es mit den Punkten knapp wurde, weil ich so treffsicher war.“ Später hat er auch Volleyball gespielt. „Fußball zu gucken, finde ich langweilig.“

ACHT GESCHWISTER GEBEN SICH TIPPS
Die Werner-Dicke-Schule in Hannover verließ Musa Gevci mit dem erweiterten Hauptschulabschluss. „Meine Geschwister haben mir gesagt, dass das wichtig ist, für mehr Chancen im Berufsleben“, erklärt der Celler. Insgesamt hat er sieben Geschwister. Der Drittjüngste ergänzt: „Wir sind drei Brüder und fünf Schwestern. Ich finde das ganz gut. So habe ich für jedes Thema einen Ansprechpartner.“ Eine Schwester arbeite praktischerweise im Krankenhaus. Zudem weckten die Geschwister oft seine Unternehmungslust. „Eigentlich bin ich ein Gewohnheitstier und verbringe viel Zeit in Celle. Im Sommer nehmen mich meine Geschwister aber gerne mit in Freizeitparks“, erzählt Gevci. Zu Hause werde zwar in der Muttersprache geredet. „Doch wir interessieren uns nicht so sehr für die ezidische Kultur, dafür hat uns der Vater die deutsche Kultur eingetrichtert. Ihm war es wichtig, dass wir uns hier einleben.“

Bei so vielen Geschwistern hat Musa Gevci gelernt, gut zuzuhören und Tipps zu geben. „Ich habe mal überlegt, Psychologe zu werden“, verrät er. Doch die Ausbildung dauere ganz schön lang. Stattdessen engagiere er sich seit zwei Jahren im Werkstattrat der Lebenshilfe. In Fortbildungen lernen dessen Vertreter zum Beispiel Neues über das Bundesteilhabegesetz. „Wir sind dabei, in einem Heft das Wichtigste in leichte Sprache zu übersetzen“, schildert Gevci. „Ich finde, dass man dabei aufpassen muss, dass es nicht zu sehr nach Kindersprache klingt.“ Das Bundesteilhabegesetz setzt direkt im Alltag von Menschen mit Behinderung an, denn ab 2020 werden die Mitarbeiter der Lebenshilfe zum Beispiel beim Essen Selbstzahler. „Bewohner in Heimen heißen jetzt Mieter.“

SELBSTBEWUSSTSEIN MIT DER ZEIT GESTÄRKT
Bei der Lebenshilfe arbeitet Musa Gevci aktuell im Verpackungsbereich. Dort legt er für Geschäftskunden Register für Ordner an. Einmal in der Woche kann er seinem Wunschberuf nachgehen und in der Telefonzentrale arbeiten. Der Hobbypsychologe sagt: „Ich mag den Kontakt zur Außenwelt und zu verschiedenen Leuten: zu hauptamtlichen Mitarbeitern, zur Werkstattleitung und zu Kunden.“ Der Rollstuhlfahrer ist froh, dass er bei der Lebenshilfe arbeiten kann: „Wenn es sie nicht geben würde, würde ich zu Hause nur vor der Glotze sitzen.“

Musa Gevcis Traum ist es, eine Weltreise zu machen und dabei einmal die Pyramiden in Ägypten zu sehen und in Thailand die Tempel und Strände. „Ein Kumpel hat mir schon öfters das Angebot gemacht“, erzählt der Celler. „Aber ich traue mich noch nicht ganz, weil ich Flugangst habe.“ Zudem wurde er schon mal blöd wegen seiner Behinderung angemacht, als er mit seinen Geschwistern in Nordrhein-Westfalen unterwegs war. „Das ist mir auch schon in Celle passiert, aber ich habe gelernt, einfach wegzuhören“, erläutert er. „Wenn es unter die Gürtellinie geht, werde ich aber unfreundlich. Es kostet viel Kraft, einfach die Klappe aufzumachen.“ Doch je älter er geworden sei, umso mehr Selbstvertrauen habe er gefunden. Auch dank der Mitarbeiter der Lebenshilfe, sagt er und betont: „Es ist egal, ob ein Mensch aus Afrika stammt oder eine Beeinträchtigung hat. Wir sollten alle so akzeptieren, wie sie sind, und positiv denken.“

Wenn in der Weihnachtszeit die Innenstadt wieder voll wird, muss sich Musa Gevci seinen Weg bahnen. Der Rollstuhlfahrer berichtet: „Wenn ich die Passanten anspreche, ob ich mal bitte vorbei kann, dauert es oft, bis die Leute reagieren. Wenn keine Reaktion kommt, fange ich an zu schubsen, um mich durchzukämpfen.“ Wenn er von einem Kumpel durch die Menge geschoben werde, machten die Leute eher Platz. Es ärgert Musa Gevci auch, wenn Jugendliche sich in seiner Nähe gegenseitig mit „Du bist doch behindert“ beschimpfen. Auf dem Weg zum Bus ist ihm irgendwann der Geduldsfaden gerissen. Er hat zwei Jugendliche angesprochen und gefragt: „Wisst ihr eigentlich, was es heißt, behindert zu sein?“ Es habe sich gut angefühlt, den Frust herausgelassen zu haben. Jetzt sagen alle Beteiligten freundlich „Guten Morgen“ zueinander und die Jugendlichen beschimpfen sich meistens nur noch mit: „Du bist doch doof.“

Cellesche Zeitung | Seite 10 | Donnerstag, 28. November 2019
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