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Welttag der Menschen mit Behinderung

Texte in Leichter Sprache für selbstbestimmte Teilhabe

Vereinfachte Kommunikation soll maßgeblich zur Förderung der Inklusion beitragen
Lothar H. Bluhm

"Das tat verdammt weh, Irland zu verlassen", bedauert Justus Schmalhorst noch heute seine damalige Entscheidung. Er wollte mit Anfang 20 in Dublin wohnen und arbeiten und total selbstbestimmt leben. Durch eine irische Autovermietung hatte er bereits im Vorfeld Kontakte geknüpft und schon einen sicheren Job in der Tasche. Aber seine Versorgung mit Arznei war zu der Zeit nicht gesichert, so dass er sich entschloss, nach zwei Jahren wieder nach Westercelle zurückzukommen. Jetzt absolviert er bis zum Jahresende den Berufsbildungsbereich der Lebenshilfe in Altencelle. Danach wird er sich entscheiden, in welchem Sektor er tätig sein möchte.

"Das ist eine tolle Herausforderung und das Arbeitsklima ist auch gut", macht sich Schmalhorst Gedanken zu seiner Zukunft. Dabei bleibt sein Traum, immer wieder mal ein bisschen in die Ferne zu gehen, erhalten, weil er auch Weltenbummler ist – wie schon sein Vater und Großvater. Als Kind hatte Justus Schmalhorst, inzwischen 36 Jahre alt, Hirntumore und wurde mehrmals operiert. Seither hat er gelegentlich epileptische Anfälle und muss Medikamente nehmen.

Er lernte Fremdsprachen, auch Italienisch und Englisch. "Sprachen sind meine Leidenschaft", sagt er heute. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass er in der Prüfgruppe mitmacht, die die umfangreiche Broschüre "Demokratie leicht gemacht" in Leichter Sprache mit erarbeitete. "Das war so ähnlich wie Zeitung lesen", beurteilt er seine Tätigkeit.

Im Rahmen des bundesweiten Projektes "Demokratie leben!" meldete die Lebenshilfe Celle ihr Vorhaben zur Förderung an: "Informationen zu Demokratie und politischen Themen sind bisher fast ausschließlich in einer derart komplexen Sprache verfasst, dass diese vielen Menschen nicht zugänglich sind." Es brauche hier vielmehr Texte und Informationen in Leichter Sprache, um eine selbstbestimmte Teilhabe zu ermöglichen, begründete Laura Heidrich den Plan: "Auch die Arbeit des Werkstattrates als demokratisches Instrument zur Selbstvertretung von Menschen mit Beeinträchtigung sollte hervorgehoben und näher beleuchtet werden, um die Werkstatt-Beschäftigten in ihrem Recht auf Selbstbestimmung zu stärken." Hintergrund: Jeder Mensch hat das Recht, in einer für ihn verständlichen Sprache zu kommunizieren, um mit gleichen Rechten an der Gesellschaft teilzuhaben. Durch vereinfachte Kommunikation soll maßgeblich zur Förderung der Inklusion beigetragen werden. Denn durch die Verbreitung von Leichter Sprache werden Informationen besser verstanden und ausgetauscht. Wissen entsteht und Menschen können selbstbestimmter entscheiden und teilhaben.

Am Ende steht nun eine 28-seitige Broschüre, die in Leichter Sprache über das Thema Demokratie aufklärt und die einzigartig ist im Bundesgebiet. "Wir haben jetzt schon Anfragen nach Heften aus Südtirol und von interessierten Stellen in Deutschland", sagt Laura Heidrich, die ehemalige Mitarbeiterin der Forschungsstelle Leichte Sprache ist, Sprach- und Übersetzungswissenschaften studierte und nun das Büro für Leichte Sprache der Lebenshilfe Celle in Altencelle leitet: "Die Broschüre kann dazu beitragen, den Menschen näherzubringen, wie sie ihre neu gewonnenen Wahlrechte wahrnehmen können. Die Broschüre kann über das Internet bei uns bestellt werden."

Von der Broschüre können auch Menschen ohne Beeinträchtigung profitieren, denn sie bietet einen gut verständlichen Einstieg in das Thema Demokratie und kann Interesse an demokratischer Mitwirkung wecken. Heidrich: „So können sich Menschen, die bisher aufgrund von Sprachbarrieren keinen Zugang zu politischen Themen gefunden haben, eigenständig informieren.“

Selbst im schulischen Bereich könne das Heft angewendet werden, meint die Expertin. Denn in dem Heft werden Themen behandelt wie "Was ist ein Staat?", "Was sind Staatsbürger?", "Welche Rechte gibt es in Deutschland?" und "Welche Wahlen gibt es in Deutschland?".

Als Heidrich von dem Gesamtprojekt erfuhr, stand für sie gleich fest: "Da müssen wir mitmachen!" Und mitmachen wird auch Justus Schmalhorst wieder beim nächsten Projekt der Lebenshilfe Celle.


BEWUSSTSEIN WACH HALTEN

Dass die Würde, die persönlichen Rechte und das persönliche Wohlergehen jeden Menschen betreffen, soll heute mit dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung verdeutlicht werden. Zum Abschluss des Jahrzehnts der Menschen mit Behinderungen haben die Vereinten Nationen (UNO) diesen Gedenk- und Aktionstag ausgerufen.
Organisationen werden dazu aufgerufen, sich den Belangen und Problemen behinderter Menschen zu widmen und diese publik zu machen.
1981 rief die UNO das Jahr der Behinderten aus, um auf Menschen mit Behinderung sowie deren Anliegen aufmerksam zu machen. Die Ideen und Maßnahmen dieses Jahres wurden von 1983 bis 1993 in der Dekade der behinderten Menschen weitergeführt. Die UNO initiierte den Internationalen Tag der Behinderten am 3. Dezember 1992, woraufhin er 2003 erstmals gefeiert wurde.
Der Tag soll jährlich das Bewusstsein der Menschen zu dieser Thematik wach halten, denn sobald die Teilnahme an einem gesellschaftlichen Leben durch körperliche, geistige oder seelische Einschränkungen erschwert ist, wird von einer Behinderung gesprochen. Diese Einschränkungen können sich auf körperliche Funktionen, geistige Fähigkeiten oder die seelische Gesundheit beziehen.
Die Weltgesundheitsorganisation definiert die Behinderung: Mängel oder Abnormitäten der Körperfunktionen und -strukturen; Funktionsbeeinträchtigungen aufgrund von Schädigungen, die Alltagssituationen behindern.


AGENDA 2030

Über eine Milliarde Menschen auf der Welt leben mit einer Form von Behinderung. Vielerorts fehlt Menschen mit Behinderung der Anschluss zur Gesellschaft, sie leben isoliert und werden oft diskriminiert.
Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verspricht, Ungleichheiten zu reduzieren und eine soziale, wirtschaftliche und politische Inklusion aller Menschen zu fördern – das schließt auch Menschen mit Behinderung ein. Um das zu erreichen, muss das UN-Übereinkommen über die Rechte von Personen mit Behinderungen in allen Kontexten und Ländern umgesetzt werden. Außerdem müssen die Meinungen und Sorgen dieser Menschen in die politische Agenda der Länder integriert werden.
Die Umsetzung der Entwicklungsziele des jüngsten Berichts der Vereinten Nationen über Behinderung und Entwicklung (2018) durch, für und mit Menschen mit Behinderung zeigt, dass Menschen mit Behinderung in vielen Bereichen im Nachteil sind. Er weist aber auch auf die wachsende Zahl guter Praktiken hin, die eine inklusivere Gesellschaft schaffen, in der diese selbstständig leben können.
An diesem internationalen Tag soll das Engagement für eine inklusive, gerechte und nachhaltige Welt für alle, in der die Rechte von Menschen mit Behinderung vollständig realisiert werden, bekräftigt werden. (lhb)

Cellesche Zeitung | Seite 20–21 | Dienstag, 3. Dezember 2019
Den Presseartikel sehen Sie hier.