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Welt-Down-Syndrom-Tag 2019

Lebensfreude am Ort der Vielfalt

"Cooler Job": Kristof-Ole Kluth arbeitet in Wäscherei der Celler Lebenshilfe

Jeder hier kennt "Billy": Kristof-Ole Kluth hat diesen Spitznamen einst von seinem Bruder erhalten. Jetzt grüßen ihn seine Arbeitskollegen so, wenn er auf dem Weg in die Wäscherei die Werkhallen durchquert. "Da ist es cool", sagt Kluth über seine Arbeit an der Heißmangel. Mit gut 20 weiteren Arbeitskollegen arbeitet der Celler seit zehn Jahren für den "Altenceller Waschbär", eine Einrichtung der Lebenshilfe.

Kristof ist 31 Jahre alt, wirkt aber deutlich jünger. Da arbeitet ein engagierter Mann, offen und lebenslustig. Wenn er redet, muss man allerdings sehr genau zuhören, um ihn zu verstehen. Die Zellkerne von Billys Körper bestehen aus 47 Chromosomen – einem mehr als üblich. Kristof-Ole Kluth hat das Down-Syndrom. Doch er lebt sein Leben souverän und weitgehend selbstbestimmt – und das verdankt er zu einem guten Teil den Celler Werkstätten der Lebenshilfe.

2006 fing er hier im Berufsbildungsbereich an, durchlief mit Gartenarbeit, Küche/Hauswirtschaft, der Holzwerkstatt und dem Metallbereich die vier Kernbereiche, in denen berufliche Bildung in der Altenceller Einrichtung vermittelt wird. "Wir gehen mit gutem Beispiel voran – begleiten, beraten und fördern" ist das Motto des Sozialunternehmens mit seinen Angeboten an Frühförderung, integrativen Krippen, Kindergärten und Schule, beruflicher Bildung, Arbeit, Beschäftigung, Wohnen, Kultur und Freizeit sowie umfangreichen ambulanten Diensten. 1961 als "Lebenshilfe für geistig Behinderte" gegründet, hat der von Eltern und Förderern getragene gemeinnützige Verein sich zum Träger eines Systems differenzierter Eingliederungsmaßnahmen für Stadt und Landkreis Celle entwickelt.

Anfangs hat Kristof-Ole Kluth CDs zwecks Recycling von ihren Plastikverpackungen getrennt. "Später wurde mir das zu langweilig", sagt er rückblickend. Die Arbeit in der Wäscherei war sein Wunsch. Und auch heute noch merkt man ihm an, dass er sich hier wohlfühlt – auch wenn die Füße vom Arbeiten im Stehen manchmal wehtun. So wechseln sich Kristof und seine Kollegen im Rotationsprinzip an der Mangel ab, damit die Beine zwischenzeitlich mal einen Moment entlastet werden können.

Die großen Industriewaschmaschinen nehmen eine ganze Wand in der Waschküche ein. Und neben der Mangel gehören auch eine Bügelstation und natürlich die Wäscheannahme zur Abteilung. "Ich habe nette Kollegen und nette Gruppenleiterinnen“", lobt Kristof das Betriebsklima. "Wir nehmen hier auch die Bügelwäsche von Privatpersonen an", sagt Billys Chefin Martina Berger, Gruppenleiterin der Wäscherei. Gaststätten, Hotels, Arztpraxen und andere Celler Betriebe gehören zu den Kunden des gemeinnützigen Unternehmens, in dem inklusive diverser Werkstätten in verschiedenen Bereichen insgesamt 350 Beschäftigte tätig sind.

Kristof-Ole Kluth wohnt mit seiner Mutter (die gleichzeitig als Betreuerin ihres Sohnes fungiert) in einer Wohnung am anderen Ende der Stadt. Morgens wird er vom Fahrdienst zu seiner Arbeitsstätte in den Celler Werkstätten in Altencelle gefahren, wo das Tagwerk um 8.15 Uhr beginnt. "Ich habe einen normalen Acht-Stunden-Tag", sagt Billy über seine Tätigkeit. Er fühlt sich wohl inmitten seiner Arbeitskollegen. In der Frühstückspause, beim Mittagessen und in der Kaffeepause ist Zeit für ein Schwätzchen, beispielsweise mit seinen Freunden Lena Rohde und Christoph Brase.

So wie Kristof-Ole hat auch Lena Rohde durchaus klare Vorstellungen vom künftigen beruflichen Werdegang. Seit sie ein Praktikum in einem Seniorenheim gemacht hat, weiß sie: "Ich möchte mich gern um alte Menschen kümmern."

Kristof ist gesellig, hat ein freundschaftliches Verhältnis zu seinen Arbeitskollegen, unterscheidet aber auch klar zwischen dem Arbeitsleben und dem Freundeskreis außerhalb der Celler Werkstätten. Zudem ist er seit zehn Jahren auch im Down-Syndrom-Freundeskreis aktiv, in dem sich Familien privat über ihre Erfahrungen austauschen.

Und weil er gerade von seiner Freizeit erzählt, kommt Kristof natürlich auf seine Urlaubsplanung zu sprechen: Im Mai wird er mit Freunden Ferien in der Heide machen – die Vorfreude kann man ihm schon deutlich ansehen.

Kristof-Ole Kluth ist in der Paul-Klee-Schule unterrichtet worden, 2006 stieg er dann in den Berufsbildungsbereich der Lebenshilfe mit seinen vielen Praktika ein: Welche Arbeiten gibt es? Wo liegen die eigenen Begabungen? Welche Arbeiten gefallen mir?

Waren die Celler Werkstätten früher mehr ein Dienstleister für die Industrie, so hat sich dies inzwischen geändert: Die Lebenshilfe macht inzwischen selbst vielfältige Angebote, etwa im Celler Hotel Blumlage und dem ebenfalls inklusiv betriebenen Hotel am Kloster in Wienhausen.

"Neue Firmenanfragen sind willkommen", sagt Margit Groß, im Berufsbildungsbereich der Lebenshilfe Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung. Die gelernte Hauswirtschaftsleiterin verweist auf das Riesen-Leistungsspektrum der Celler Werkstätten: "Wir haben alle Talente hier. Und wir können ganzheitliche Lösungen anbieten, vom Eintüten bis zum Versand."

"Werkstätten sind Orte der Vielfalt", betont auch Heidi Jaroschewitz. Die Arbeit, gerade auch mit Menschen mit Down-Syndrom, sei ein großes Geschenk. Das werde auch im Umgang mit Kristofs Freundin Lena Rohde immer wieder deutlich, sagt die für Soziales und Bildung zuständige pädagogische Leiterin der Celler Werkstätten mit Verweis auf den Berufswunsch der jungen Frau. Menschen mit Down-Syndrom seien in der Altenbetreuung eine große Bereicherung, sie gehen offen und freundlich auf andere Menschen zu: "Auch Lena wird ihren beruflichen Weg machen!"

Der 21.3. ist internationaler Down-Syndrom-Tag. Kein zufälliges Datum: Die Zahlen 21 und 3 stehen für eine Genmutation, bei der das Chromosom 21 (oder Teile davon) nicht wie üblich doppelt vorkommt, sondern eben dreifach. So wird die genetische Veränderung auch Trisomie 21 genannt.

Zu den typischen Folgen dieser Veränderung können Kleinwüchsigkeit, ein lockeres Bindegewebe, ein rundes Gesicht, ein hoher spitzer Gaumen, kurze Finger und eine verlangsamte (auch geistige) Entwicklung gehören. Doch die zusätzlichen Chromosomen müssen keinesfalls eine Lebenseinschränkung bedeuten.

Weltweit leben etwa fünf Millionen Menschen mit Down-Syndrom. In Deutschland kommen jährlich schätzungsweise rund 1200 Babys mit dem Down-Syndrom zur Welt. Eine offizielle Statistik und genaue Zahlen gibt es jedoch nicht.

Das Down-Syndrom ist keine Krankheit. Betroffene nehmen sich selbst nicht als krank war und wollen auch nicht so gesehen werden. Den meisten macht nicht ihre Genmutation zu schaffen, sondern allenfalls das Verhalten ihrer Mitmenschen – sie leiden häufig unter Vorurteilen, Ablehnung, Spott, falschem Mitleid und Ignoranz ihrer Umgebung.

Klaus M. Frieling

Cellesche Zeitung | Seite 10 | Freitag, 21. März 2019

Den Presseartikel sehen Sie hier.