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SO Hamm | Ich spiele gegen mich und den Gegner"

Tischtennis-Doppel der Lebenshilfe sichern sich in drei von fünf Leistungsklassen Gold bei Special Olympics
Audrey-Lynn Struck
 
HAMM. Zwei defekte Navis, ein kaputter Schläger und eine unvorhergesehene Spielplanänderung: Drei aufregende Tage liegen hinter den Tischtennisspielern der Lebenshilfe. Zu zehnt reisten sie zu den Special Olympics, einer Sportveranstaltung für Menschen mit einer Beeinträchtigung. Die Landesspiele in Hamm wurden erstmals gemeinsam mit dem NRW-Turnfest ausgerichtet und waren laut den Veranstaltern "die bedeutungsvollste Sportveranstaltung 2019 in Nordrhein-Westfalen".

Zusammen mit 20 Doppeln quer aus Deutschland und sogar der Türkei gingen die Sportler der Lebenshilfe auf Medaillenjagd. Die vier Doppel aus Altencelle waren dabei mit Abstand am erfolgreichsten. In drei der fünf Leistungsklassen holten sie sich Gold.

"Die ganze Atmosphäre war toll. Man trifft Freunde, die man lange nicht mehr gesehen hat", freute sich Hans-Walter Glomm. Der 58-Jährige spielte zusammen mit seiner Frau Dagmar im Doppel und holte sich in der 2. Klasse mit 2:1 Sätzen Gold. Zuvor erwarteten die Celler am ersten Tag jeweils acht Zeitspiele von drei Minuten Länge. "Im Zeitspiel haben wir zuerst verloren, weil mein Schläger kaputt war. Der Belag hatte sich abgelöst. Als ich dann aber gewechselt habe, haben wir sofort gewonnen", erzählte Hans-Walter Glomm.

Nach den Zeitspielen wurden die fünf Leistungsklassen eingeteilt. "Danach kam die Aufregung", verriet Dagmar Glomm. Auf der Autofahrt nach Hamm war zuvor noch nichts von der Anspannung vor dem großen Wettkampf zu spüren gewesen. Das lag aber vielleicht auch an der Fahrt selbst. Gleich beide Navigationsgeräte von der Sporttherapeutin Kerstin Sauerwald-Weiß gaben den Geist auf. Doch zum Glück wusste Dagmar Glomm sofort Rat. "Ich hab‘ uns dann mit dem Handy zum Ziel gelotst. Die Autofahrt war eindeutig mein Highlight", erzählte die 47-jährige Glomm lachend. "Ohne Dagmar wären wir wirklich verloren gewesen", so auch Sauerwald-Weiß von der Lebenshilfe.

Vor Ort erwartete die Sportler eine Überraschung: eine Spielplanänderung. "Frauen und Männer sind komplett gemischt gegeneinander angetreten", erzählte Dagmar Glomm. Zwar waren alle schon mehrmals bei den Special Olympics dabei gewesen, doch das war etwas ganz Besonderes. "Wir mussten uns spontan darauf einstellen. Das war eine richtige Herausforderung für die Teams, sich darauf einzulassen", so Sauerwald-Weiß. Schließlich sei es eine ganz andere Spielweise. "Männer haben viel mehr Wums", wusste auch Jessica Albrecht, die bei Spielen "dauerhaft nervös" ist.

Die Änderung trug nicht gerade dazu bei, ihre Anspannung zu senken. "Ich spiele immer gegen zwei Gegner: Gegen mich und gegen den anderen Tischtennisspieler", so die 42-Jährige. Um ihre Nervosität zumindest etwas zu senken, hat sie sich über die Jahre ein paar Tricks antrainiert. "Ich gucke, dass ich immer gut ausgeruht bin, und positioniere mich erst einmal richtig auf dem Spielfeld. Außerdem versuche ich mir vorher nicht zu viel Druck zu machen", sagte Albrecht.

Ganz abschütteln konnte sie ihre Nervosität bei den Special Olympics allerdings nicht. Zusammen mit Monica Soblotny landete sie auf dem fünften Platz – eigentlich unter ihren Möglichkeiten. "Jessica spielt sonst viel besser", so auch Trainer Manfred Feike, der seit Jahrzehnten bei der Lebenshilfe arbeitet. Insgesamt zeigte sich Albrecht dennoch sehr zufrieden mit den Special Olympics. "Es ist dort ein toller, respektvoller Umgang miteinander und ein sehr schönes Gemeinschaftsgefühl", schwärmte die 42-Jährige.

Am zweiten Tag ging es dann ums Ganze. In fünf verschiedenen Leistungsklassen kämpften die Celler um das Edelmetall. "Wir haben uns oft gegenseitig bei den Spielen zugesehen und angefeuert", erzählte Dagmar Glomm. Zusätzlich hatte Tischtennisspieler Detlef Steitzer alle Spiele – wie auch schon bei den Zeitspielen – per Video aufgenommen. "Abends haben wir uns dann das Filmmaterial von Detlef angesehen und unsere Fehler sowie Gegner analysiert", so Hans-Walter Glomm.

Steitzer spielte indes mit Florian Zettelmeyer in der 1. Klasse. Beide sind auch regelmäßig beim Betriebstischtennis auf Punktspielen im Einsatz. "Dort kann man sich gut an den anderen Spielern orientieren. In den anderen Teams sind normale Menschen ohne eine Behinderung, und trotzdem spielen wir gegen die", sagte der 58-jährige Steitzer.

Und das mit Erfolg. Eine von zwei Tischtennis-Mannschaften der Lebenshilfe ist mittlerweile beim Betriebssport in die A/B-Liga aufgestiegen. Trotz der vielen Spielerfahrungen taten sich Steitzer und Zettelmeyer bei den Special Olympics anfangs etwas schwer. „Ich musste mich erst einmal daran gewöhnen, wieder mit Detlef zu spielen. Vorher haben wir nicht so oft zusammen trainieren können“, erzählte Zettelmeyer, der mit seinen 24 Jahren der mit Abstand Jüngste in der Celler Mannschaft war. Dennoch gewannen die beiden die Goldmedaille.

In der vierten Klasse sicherten sich Claudia Ebeling und Gabi Worthmann ebenfalls Gold. "Ich hab‘ früher schon in Braunschweig Tischtennis gespielt und bin einfach bei dem Sport geblieben. Mein Lebenspartner spielt hier auch", so die 55-jährige Ebeling.

Jetzt heißt es bei der Lebenshilfe erst einmal weiter fleißig trainieren. Vielleicht haben dann schon bald die acht Sportler oder ihre restlichen zwölf Teamkollegen die Gelegenheit, erneut bei den Special Olympics zu glänzen. Viel wichtiger als das Gewinnen ist den Altencellern aber eh der Spaß an der Sache. "Das Schönste beim Tischtennis ist, dass man es gemeinsam macht", sagte Trainer Feike.


Cellesche Zeitung | Seite 24 | Freitag, 19. Juli 2019
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