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Purzelbaum mit Vanillesoße

"Zentrum für inklusive Bildung" der Lebenshilfe bei Jahresempfang eröffnet

GARSSEN. Ein kleines Metallteil lag gestern nicht etwa unbedacht auf jedem Stuhl, der in der Sporthalle in Garßen aufgestellt war. Es sollte vielmehr auf eine wichtige Aufgabe der Lebenshilfe Celle verweisen: Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene "überlebensfähig" zu machen. Das kleine Metallteil, mit dem die Lebenshilfe jeden Gast des Jahresempfangs beschenkte, ist ein survival tool – zu deutsch ein Überlebenswerkzeug.

Der Jahresempfang war bewusst aus dem Lebenshilfe-Stammsitz in Altencelle nach Garßen verlegt worden, weil gleichzeitig eine Einweihung gefeiert wurde. Das neue "Zentrum für inklusive Bildung" liegt in Garßen in unmittelbarer Nachbarschaft von Turnhalle, Kindergarten, Grundschule und Kirche und wurde im Anschluss an den Empfang von den Gästen „geflutet“. Bei einer der angebotenen Führungen war auch Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) zugegen. Er schaute bei einer Gruppe der Comenius-Schule, des Heilpädagogischen Kindergartens "Purzelbaum" und bei den "Wieseln", der Krippengruppe, vorbei. In allen Räumen hielt er sich nur kurz auf, denn die Kinder saßen beim Essen. "Kinder, die Hauptsache ist doch, dass es euch schmeckt. Da wollen wir nicht stören", sagte der Landesvater, um beim Herausgehen noch ein langgezogenes "Mmmmh, mit Vanillesoße, lecker!" anzufügen.

Während des Empfangs war Weil mitten unter den Kindern und Jugendlichen der Lebenshilfe und der Grundschule Garßen eingezogen. Gemeinsam mit dem Publikum (das allerdings etwas schwach auf der Brust war) bildeten die jungen Menschen den "größten inklusiven Projektchor", wie es Lebenshilfe-Geschäftsführer Clemens M. Kasper ausdrückte.

"Lebenshilfe hat weit, weit über- durchschnittliches Engagement."

Ministerpräsident Stephan Weil

Mit dem Refrain des gemeinsam gesungenen Liedes beendete Weil seine kurze Rede: "Ich, du, wir woll‘n zusammen wachsen, ich, du, wir woll‘n zusammen steh‘n. Ich, du, wir, so leben wir zusammen, finden unser‘n Weg, wenn wir gemeinsam geh‘n." Vorher hatte er die Einzigartigkeit der Einrichtung hervorgehoben: "Ich wüsste nicht, wo es sonst in Niedersachsen so etwas gibt." Das "eigentliche Sahnehäubchen" sei aber das gleichzeitige Regelangebot von Kindergarten und Grundschule in der Nachbarschaft. Er hob das "weit, weit überdurchschnittliche Engagement" der Lebenshilfe hervor, die hier etwa 5 Millionen Euro – "und das ohne staatliche Hilfe" – investiert habe. Er freue sich, dass man hier verschiedene Kooperationsformen ausprobiere.

Comedian Martin Fromme hielt in seinem gut halbstündigen Vortrag dem Publikum einen Spiegel vor. Sein Programm "Besser Arm ab als arm dran" verweist auf sein körperliches Handicap: Ihm fehlt der linke Unterarm. Den bezeichnete er als "ganz, ganz wertvolle Schnitzarbeit aus dem Erzgebirge". Er kennt die Befangenheit im Publikum, wenn er auf der Bühne loslegt, und thematisiert das auch gleich: „Darf ich lachen? Muss ich lachen? Wenn ich nicht lache, bin ich dann behindertenfeindlich?" Neben einigen Kalauern bringt Fromme auch Hintergründiges: Wenn er etwa über die Pläne der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sinniert, Behinderte in die Streitkräfte zu integrieren: "Wir passen ja wunderbar zu den Waffen der Bundeswehr, die sind ja auch nicht mehr soooo ..." Das Militär sei ja ohnehin nichts für ihn, schließlich heiße es ja "Armee". Da merkte er aber auch gleich an, dass das ein ziemlicher flacher Witz sei.

Celles Landrat Klaus Wiswe (CDU) erinnerte sich zu Beginn seiner Rede an die Tage, an denen er auf der Tribüne dieser Halle mit seiner Tochter und seinem Sohn mitgefiebert hatte, die hier in der "Pampersliga" dem Ball hinterhergejagt waren. Für den Landkreis und die Stadt Celle sei das Motto "Niemand soll verloren gehen" ein wichtiges Motiv. Das neue Bildungszentrum bezeichnete Wiswe als "weiteren wichtigen Baustein, um die Inklusion im Landkreis Celle weiter voranzubringen." Das betreibt Steffen Hollung seit viereinhalb Jahren. Als Leiter des Bereichs "Leben und Lernen" ist er nun auch für das neue Zentrum verantwortlich. Er habe in Garßen einen "starken Willen" zur Zusammenarbeit und zur Inklusion vorgefunden. Die Freude darüber war ihm ins Gesicht geschrieben.

Im Herzen von Garßen ist ein Ort entstanden, an dem sich Kinder geborgen fühlen können. Diesen Eindruck vermittelte der gestrige Jahresempfang der Lebenshilfe Celle in der Sporthalle am Koppelweg und im neu eröffneten Bildungszentrum, das sich netter und offener Nachbarn von DRK-Kindergarten, Grundschule und Kirche erfreut. Den knapp 200 Gästen aus dem öffentlichen Leben wurde vermittelt, dass hier Menschen mit großen Herzen am Werk sind, für die ihr Beruf auch gleichzeitig Berufung ist. Wo gibt es denn zum Beispiel das, dass vier (ehemalige und aktive) Schulleiter gemeinsam als Quartett mit ihren Blasinstrumenten die feierliche Einweihung eines Zentrums eröffnen? In allen Räumen, in die nicht nur Ministerpräsident Stephan Weil schaute, waren Erwachsene mit den Kindern und Jugendlichen beschäftigt, die besondere Hilfe benötigen. Viele der 347 Mitarbeiter der Lebenshilfe und ihrer Werkstätten hatten die Feier organisiert und ausgerichtet, ihre Gäste mit Speis und Trank versorgt, es war wie eine große Familienfeier in der Aula des neuen Zentrums. Wenn dieser Geist oder neudeutsch Spirit anhält – und dessen kann man sich sicher sein – dann muss es einem nicht bange sein um unsere Kinder und Enkelkinder, die keinen einfachen Start ins Leben hatten. Jede Anstrengung, sie an dem "normalen" Leben teilhaben zu lassen und sie in ihren Sorgen und Nöten ernst zu nehmen, ist es wert, dass wir sie gemeinsam unternehmen.

Andreas Babel

Cellesche Zeitung | Seite 7 | Freitag, 8. Februar 2019

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