nach oben




|

"Kabelbruch" im Tonstudio

Achtköpfige Band der Lebenshilfe produziert erste CD mit drei Musiktiteln
Lothar H. Bluhm

"Wir singen den L-H-Blues, wir singen den L-H-Blues", klingt noch der Refrain des rockigen Ohrwurms von der Compact-Disc im Kopf nach, die Barbara Wegerif stolz in die Luft hält: "Die CD ist jetzt fertig, dies ist das erste Exemplar – mit Booklet!" Aynur Berse, André Fehrling, Michael Kresse, Hilke Schmid, Detlef Steitzer, Klaus Tibulski und Florian Zettelmeyer applaudieren ihrer Musikpädagogin zu: Die achtköpfige Band "Kabelbruch" der Lebenshilfe Celle hat in einem hannoverschen Tonstudio ihre erste CD mit drei Musiktiteln produziert. "Flexibel", "Stau bei Lauenau" und "L-H-Blues" ist auf dem Heftchen zu lesen.

Heute ist erneut Probe im Studio B, denn demnächst steht eine Firmung an, zu der die Band den musikalischen Rahmen übernehmen wird. "Here I Am, Lord" und "Oh Happy Day" stehen dann neben weitere Liedern auf dem Programm.

"Ich bin Detlef", stellt sich der 58-jährige große schlanke Mann im dunklen Kapuzensweatshirt vor, klatscht mit seinen Mitmusikern zur Begrüßung ab, setzt sich auf den Stuhl und greift zur Akustik-Gitarre: Es ist Probe für die Band "Kabelbruch" in Altencelle. Unter der Haustechnik hat die Lebenshilfe Celle auf ihrem weitläufigen Gelände einen Probenraum für die achtköpfige Musikformation eingerichtet. Von außen unscheinbar hinter der grauweißen Stahltür, das Studio B.

Er arbeite in der Schlosserei in Nienhagen und sei mit der Herstellung von stabilen Holzkohlegrills befasst, sagt Detlef Steitzer. Mit Wagenheber zum Absenken des Grillrostes. Das laufe alles sehr professionell, meint der bärtige Brillenträger. Hier im Studio B sei er jetzt, um Musik zu machen: "Seit 15 Jahren spiele ich schon in der Band." Und Detlef kann sich genau an Aktionen und Auftritte der Band erinnern, an denen er mitgewirkt hat.

Prägende Auftritte für Bandmitglieder

Zum Beispiel bei "MIXIT!" 2016. Auf Einladung des Kulturdezernates der Stadt Celle präsentierten sich Celler Chöre, Orchester, Amateurtheater, Tänzer, Bands und viele mehr. Über 400 Mitwirkende aus 22 Vereinen. Dabei war der Titel Verpflichtung, denn es waren alle Akteure aufgerufen, ihre Beiträge in einem munteren Crossover miteinander zu verquicken. Das Schlosstheater hatte dafür seine Haupt- und Nebenbühnen zur Verfügung gestellt, insgesamt sieben Schauplätze. Mit dabei: die Lebenshilfe-Band "Kabelbruch". Oder beim Tag der Niedersachsen oder beim Musikfestival in der polnischen Woiwodschaft Posen. Das waren prägende Veranstaltungen für alle Bandmitglieder. "Ich fand das sowas von wichtig", steht für Detlef Steitzer fest.

Neben ihm sitzt André Fehrling. Er zupft an seinem E-Bass. "Ich spiele auch Akustik-Gitarre", sagt er. Tagsüber arbeitet er im Gärtnereiteam der Lebenshilfe. André wohnt in Nordburg und pendelt jeden Tag mit dem Sonnenscheinbus zu seiner Arbeitsstätte. Heute sei er ein wenig nervös, gesteht André Fehrling freimütig, gelegentlich vergreife er sich in den Saiten, spiele einen falschen Ton. "Da bist du in bester Gesellschaft", relativiert Musikpädagogin Barbara Wegerif die Aussage: "Das kennen wir alle." – Zustimmung von den anderen Bandmitgliedern. Niemand sei perfekt.

Dabei klingt die soeben fertiggestellte CD ganz anders. Da sind keine falschen Töne zu hören, da stimmen Akkorde und Gesang, da sind die Soloparts gut herausgearbeitet. Melodika, Gitarre, Keyboard. Da entwickeln sich Ohrwürmer. "Das war der 18. September. Ein Dienstag", erinnert sich Schlagzeugerin Aynur Berse. Die Band fuhr nach Hannover, um im Tonstudio "Wellencocktail" von Achim Dressler die drei selbst geschriebenen Stücke zu produzieren: "Flexibel", "L-H-Blues" und "Stau bei Lauenau".

Aynur Berse (41) ist als freigestellte Frauenbeauftragte der Lebenshilfe in Celle für rund 250 Frauen zuständig, außerdem ist sie im Werkstattrat aktiv an der Mitgestaltung der Leitlinien des Hauses tätig.

"Es war ein recht arbeitsintensiver Tag, von 9 bis 15.30 Uhr war volle Konzentration gefordert", blickt Barbara Wegerif zurück. Die 63-Jährige ist seit 1988 bei der Lebenshilfe in Werkstätten, im Berufsbildungsbereich, in der Comenius-Schule und im Kindergarten in verschiedenen Projekten tätig. Singkreis, Stabpuppenspiel, Trommelgruppe, Band. "Die Musiker nahmen es geduldig hin, dass besonders bei der führenden Tonspur, bei der mehrere gleichzeitig beteiligt waren, Lieder sehr oft wiederholt werden mussten." Und: "Bei den Einzelaufnahmen herrschte dann eine Spannung wie bei einem Fußballländerspiel. Dann sammelten sich die nicht Beteiligten um das Mischpult des Tonmeisters und starrten gebannt auf die unzähligen Knöpfe und Regler und durch die schalldichte Scheibe. Am Ende jedes Aufnahmevorgangs brach lauter Beifall los."

Täglich 25 Kilometer mit dem Rad

Florian Zettelmeyer, genannt Flo, spielt seit rund sechs Jahren bei Kabelbruch Keyboard. Zusammen mit Michael Kresse. Flo arbeitet seit zwei Jahren im Gärtnereiteam und wohnt seit März mit seiner Freundin in Kragen zusammen. "Das sind etwa 25 Kilometer, die ich jeden Tag mit dem Rad fahre." 25 Kilometer hin, 25 Kilometer zurück. Was im Winter ist? "Muss ich sehen …"

Michael Kresse kommissioniert in Bergen Knäckebrotpakete für die Gastronomie, für Jugendherbergen und Krankenhäuser. Auf sportlicher Ebene spielt er Tischtennisdoppel mit Detlef Steitzer, demnächst in Hannover bei den Special Olympics.

Den richtigen Einstieg finden

"Buff, buff, tschick", fordert Wegerif dann den richtigen Einstieg zum nächsten Song ein. Der Doppelschlag fehlte, "noch mal, bitte!" Und die Melodika: d – a – g … Da passt Hilke Schmid besonders auf. Die 72-Jährige ist inzwischen Rentnerin: "Solange ich noch kann, komme ich gern. Es macht ja Spaß", sagt sie und weist darauf hin, dass sie auch noch eine Stimme im Chor hat.

"Die Generalprobe liegt mir sehr am Herzen", steht für Wegerif fest und zählt noch einmal: "Eins, zwei, drei, vier ..." – Oh Happy Day!

 

Cellesche Zeitung | Seite 10 | Donnerstag, 24. Oktober 2019
Den Presseartikel sehen Sie hier.