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Celler Opfern die Namen wiedergegeben

Ausstellung bis Ende des Monats in Celle zu sehen / 56 Ermordete und 19 Zwangssterilisierte identifiziert

CELLE. Diese Ausstellung hat das Zeug dazu, Celle zu verändern. Diese Veränderung könnte im Kleinen geschehen, im Privaten, fern der großen stadtpolitischen Entscheidungen. Im Rahmen dieser seit gestern im Foyer des Neuen Rathauses zu sehenden Ausstellung werden nämlich Namen von Celler NS-Opfern genannt. Es sind Namen von Opfern, von denen die meisten bislang völlig unbekannt waren. Es sind Namen von Menschen, deren Nachfahren und Angehörige heute wahrscheinlich gar nicht wissen, dass sie umgebracht worden sind.

Es sind verstörend viele Namen, die Dr. Carola Rudnick zutage gefördert hat. Die Historikerin leitet die „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg. Diese liegt auf dem Gelände der heutigen Psychiatrischen Klinik Lüneburg, die damals wie heute auch für Stadt und Landkreis Celle zuständig war und ist.

Alleine 19 Namen von Kindern und Jugendlichen aus dem Landkreis Celle, die in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg ermordet wurden, sind es. Hinzu kommen die Namen von 16 Frauen und Männern, die zwangssterilisiert worden sind. Und 37 Frauen und Männer wurden im März oder April 1941 von Lüneburg in die Tötungsanstalten Hadamar und Pirna-Sonnenstein verlegt, wo sie ermordet wurden. Sie sind getötet worden, weil sie aus NS-Sicht psychisch oder geistig von der Norm abwichen, nicht produktiv sein konnten, sondern andere daran hinderten, an der größenwahnsinnigen Aufgabe mitzuwirken, das Deutsche Reich zur Weltmacht werden zu lassen.

Diese Namen werden auf zwei Schautafeln zu lesen sein, die neben die eigentliche Ausstellung gestellt werden. Die Ausstellung trägt den Titel „,Still, stumpf, beschäftigt mit Kartoffelschälen, verlegt.‘ Frauen als Opfer der ,T4‘“. Diese Ausstellung der „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg ist dort während der Öffnungszeiten des Rathauses bis zum 31. Januar zu sehen. Vom 23. Januar an soll die Ausstellung dann für ein paar Tage in der Celler Stadtkirche zu sehen sein.

Der CZ-Redaktion liegt die Namensliste der Opfer aus Stadt und Landkreis Celle vor. Wir haben uns dafür entschieden, diese Namen noch nicht zu veröffentlichen. Denn: Sollte jemand den Namen eines verstorbenen Angehörigen auf der Liste entdecken, so erscheint uns die Ausstellung der geeignete Ort zu sein, mehr über diese Tötungen zu erfahren.

Zwei Opfer aus dem Landkreis Celle werden auf den Aufstellern gezeigt: Anna Timme (geboren am 8. Juli 1909 in Hagen) und Agnes Timme (geboren am 10. Januar 1912 in Winsen). Anna Timme wuchs mit fünf Brüdern auf einem Bauernhof auf und erkrankte mit 21 Jahren. Mit der Diagnose „Schizophrenie“ wurde sie mehrfach in die Lüneburger Anstalt eingewiesen. Am 16. Juni 1941 starb sie in der Tötungsanstalt Hadamar einen qualvollen Erstickungstod.

Für Agnes Timme ist vor drei Jahren vor ihrem ehemaligen Wohnhaus in Hermannsburg bereits ein Stolperstein verlegt worden. Auch Irmgard Ruschenbusch (geboren am 5. März 1893) wird seit einiger Zeit in Hermannsburg durch einen Stolperstein die letzte Ehre erwiesen. Sie wurde am selben Tag wie Agnes Timme in Hadamar vergast. An den Behinderten erprobten die Nazis perfide Tötungsverfahren, die sie in KZs im Holocaust weiter anwandten.

Die Ausstellung haben die Organisatoren von Lebenshilfe und Lobetalarbeit über die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten nach Celle geholt. Auch der Kirchenkreis Celle engagiert sich bei diesem Gedenken an die Opfer stark. Beim Anblick der von Carola Rudnick erstellten Liste zeigte sich Celles stellvertretender Superintendent Uwe Schmidt-Seffers erschüttert: „Diese Liste zeigt, dass es noch viel aufzuarbeiten gibt.“

Vortrag am Montag, 27. Januar: Die Historikerin Rudnick vertieft diese Thematik während ihres Vortrags, der den Titel „Den Opfern ein Gesicht, den Namen wiedergeben – Opfer der ,Euthanasie‘ und der Rassenhygiene in der Region Celle“ trägt. Der Vortrag im Kantoreisaal der Stadtkirchengemeinde, Kalandgasse 5, beginnt um 19 Uhr.

Cellesche Zeitung | Seite 11 | Dienstag, 14. Januar 2020
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