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Barrieren im Kopf überwinden

Drei Menschen mit Beeinträchtigungen sprechen über ihren Wunsch nach Teilhabe

Aynur Berse, Martin Voigt und Musa Gevci haben drei Gemeinsamkeiten. Sie kommen aus Celle, arbeiten bei der Lebenshilfe und haben einen Schwerbehinderten-Ausweis. Allerdings unterscheiden sich ihre Beeinträchtigungen und die daraus entstehenden Bedürfnisse sehr. CZ-Redakteurin Dagny Siebke sprach mit ihnen im Interview darüber, welche Barrieren ihnen das Leben in der Gesellschaft schwer machen


Was denken Sie, wenn Jugendliche sich gegenseitig beschimpfen und sagen: "Du bist doch behindert"?

Martin Voigt: Früher habe ich das auch so gesagt. Als Jugendlicher macht man sich keine Gedanken darüber. Behinderte wurden damals auch mehr versteckt. Erst mit 15 Jahren habe ich mit der Schule die Lebenshilfe besucht. Wenn man selbst behindert ist, denkt man anders über die Schimpfwörter. Es wird ewig dauern, bis diese wieder aus den Köpfen der Menschen herausgehen. Es fängt jetzt erst langsam an, dass die Leute darüber reden.
Musa Gevci: Ich kriege das täglich mit, wenn ich auf den Bus warte. Ich habe beobachtet, wie ein Junge ständig zu einem Mädchen gesagt hat: "Du bist doch behindert, du kannst noch nicht mal richtig laufen." Irgendwann ist bei mir der Geduldsfaden gerissen. Ich habe die beiden angesprochen und gesagt: "Wisst ihr eigentlich, was es heißt, behindert zu sein?" Sie haben mich nur angeguckt und gelächelt. Danach ging es mir echt gut, es mal herausgelassen zu haben.

Was würden Sie den Jugendlichen gerne mal sagen?

Aynur Berse: Jeder Mensch kann von einem auf den anderen Tag von einem Auto angefahren werden. Gerade Jugendliche fahren gerne mal ohne Helm und Licht auf der falschen Straßenseite. Ich hatte mit zwölf Jahren einen Unfall und bin seitdem sehbehindert. Vorher habe ich nie gedacht, dass es mich treffen kann. Das geht schneller als man denkt.


Der Sozialverband Deutschland hat die Kampagne "Ich bin nicht behindert, sondern ich werde behindert" ins Leben gerufen. Welche Hürden erleben Sie im Alltag?

Berse: Ich gehe selbstständig ins Fitness-Studio und nehme die Ampel über die viel befahrene Hannoversche Heerstraße. Erst nachdem ich die Stadtverwaltung dazu aufgefordert habe, wurde ein Geräusch für Blinde installiert. Wenn die Celler mehr für Menschen mit Behinderungen tun möchten, können sie gerne fragen, ob wir von der Lebenshilfe nicht Ratgeber sein wollen, bevor etwas gebaut wird. Es ist blöd, dass es für Ampeln und Bordsteine keine Standards gibt und wir erst auf Probleme hinweisen müssen. Dabei gibt es auch Senioren mit Rollatoren und Eltern mit Kinderwagen, die Angst bekommen, wenn ihnen nicht genug Zeit bleibt, um die Straßenseite zu wechseln.
Voigt: Das gilt für alle körperlich Behinderten. Ich als psychisch Kranker werde immer freundlich angesprochen. Die Leute sind allerdings nicht darauf eingestellt, dass meine Krankheit mich stark beeinträchtigt – weil man sie mir nicht ansieht. Es sind mehr die Barrieren im Kopf. Die Menschen halten psychisch Kranke für verrückt. Doch das, was die Menschen als verrückt bezeichnen, würde ein psychisch Kranker nie tun.
Berse: Es wäre schön, wenn es zudem mehr Behördensachen in leichter Sprache geben würde, damit man sie gleich nach dem ersten Mal lesen versteht und nicht erst nach 50.000 Mal lesen zusammen mit Eltern oder Betreuern. Das behindert einen in der Selbstständigkeit.
Voigt: Bei Formularen zur Beantragung eines Pflegegrades oder der Grundsicherung haben nicht nur Menschen mit Behinderungen Probleme. Vielen Menschen fehlt das Verständnis für Gerichtsurteile und Behördenvorschriften und sie regen sich darüber auf.


Statt behindertengerecht hat sich der politisch korrekte Begriff "barrierefrei" durchgesetzt. Wie barrierefrei ist Celle?

Gevci: Ich bin gerne in einigen Geschäften drin, aber ich komme nicht in die nächste Etage, weil es keinen Fahrstuhl gibt. Zudem gibt es in Celle nicht viele Aktivitäten für Menschen mit Behinderungen. In einem Sportzentrum wollte ich mal Basketball spielen, aber ich habe schnell gemerkt, dass ich anfangs als Rollstuhlfahrer unerwünscht war. Doch dann hatte der Trainer zufällig einen Sportrolli dabei. Als die anderen Spieler es ausprobiert haben, fanden sie das Training mit Behinderten gar nicht schlecht, weil sie gesehen haben, wie das ist. Seitdem wollen sie, dass ich wiederkomme.
Berse: Ich bin aktiv im Fitnessstudio. Das ist ein schönes Beispiel für Inklusion. Beim ersten Besuch haben die Mitarbeiter geholfen, die Geräte richtig einzustellen. Seitdem kann ich selbstständig trainieren und es sieht gar keiner, dass ich sehbehindert bin.


Die Aufzüge und Toiletten am Bahnhof sind ein Dauerärgernis. Welchen Nachholbedarf gibt es, wenn Sie verreisen wollen?

Gevci: Die Aufzüge am Bahnhof sind ständig kaputt. Es ist schon vorgekommen, dass ich wieder nach Hause gefahren bin und einen Besuch um eine Woche verschoben habe. Ich habe nicht eingesehen, dass mein Freund mich extra aus Celle abholt. Ich muss selbstständig da hinkommen, wo ich hinwill. Zudem muss ich meine Fahrt schon vier Wochen im Voraus bei der Bahn anmelden und kann nicht spontan fahren. Eigentlich müsste da gleiches Recht für alle gelten.
Voigt: Ohne Begleitung ist für mich ein Ausflug nach Hannover grundsätzlich nicht möglich. Die Fahrt ist noch das Leichteste, doch in einer fremden Umgebung finde ich mich nicht zurecht und bekomme Panik. Ich brauche einen Begleiter, der mir den Weg zeigt und Ruhe ausstrahlt. Aber für psychisch Kranke gibt es da nichts. Zwar habe ich einen Betreuer, dieser hat aber nie so viele Stunden für mich Zeit. Ich möchte auch einfach mal raus aus Celle und in Hannover shoppen gehen. Die Gesellschaft weiß kaum über das Krankheitsbild psychisch Kranker Bescheid. Dabei nimmt deren Zahl rapide zu. Ihnen fehlt eine Lobby, damit sie auch zu ihren Rechten kommen.


Eine 14-jährige Schülerin aus Schleswig-Holstein hat sich einen "Schwer-in-Ordnung-Ausweis" gebastelt, weil sie es satt hatte, ihren "Schwerbehindertenausweis" vorzuzeigen. Jetzt haben 3000 Menschen in Niedersachsen solch einen Ausweis. Was halten Sie von der Idee?

Berse: Wir können uns nicht damit identifizieren. Ich bin zwar schwer in Ordnung, aber ich brauche keinen Ausweis dafür. Den Schwerbehinderten-Ausweis könnte man allerdings auch in Ausgleichs- oder Teilhabeausweis umbenennen.
Voigt: Charakterlich unterscheiden wir uns gar nicht von der Gesellschaft. Als Jugendlicher macht man vielleicht so etwas, aber nicht, wenn man älter ist. An der Gesellschaft ändert sich ja nichts, wenn man den Ausweis umbenennt.
Gevci: Auch ich finde den Namen bekloppt. Mein Neffe hat mir von der Geschichte erzählt. Ich habe ihm nur gesagt: "Frag mich doch nicht".


Weiterdenken
von Dagny Siebke

Wenn wir eine Gesellschaft barrierefrei gestalten wollen, reicht es nicht, die Hürden für Menschen mit Behinderungen auf den Straßen und in Gebäuden aus dem Weg zu räumen. Es geht darum, die Barrieren im Kopf abzubauen und jedem das Bedürfnis nach Selbstbestimmung zuzugestehen. Vermutlich möchte jeder Mensch auch mal aus seinem Dorf herauskommen und die Welt entdecken. Warum haben Rollstuhlfahrer dann nicht das Recht, spontan reisen zu können? Warum erhalten körperlich Behinderte Pfleger, aber psychisch Kranke keine Begleiter im Alltag?
Das Thema "Leichte Sprache" wird die Gesellschaft künftig noch mehr beschäftigen. Nicht nur Menschen mit Beeinträchtigung verstehen nur Bahnhof, wenn sie selbst einen Antrag auf Grundsicherung stellen oder die Steuererklärung machen wollen. Wäre es daher nicht wünschenswert, wenn Behördenformulare für jeden Menschen verständlich sind – gleich beim ersten Mal lesen?
Menschen mit Beeinträchtigungen sind Fachleute in eigener Sache. Wenn sie mehr in politische Prozesse eingebunden werden, können sie sagen, wo es hakt. Wer sich mit ihnen unterhält, merkt, dass es viel mehr um Teilhabe als bloß um Barrierefreiheit geht. Warum soll es für Rollstuhlfahrer, psychisch Kranke und Blinde nicht normal sein, einem Sportverein beizutreten oder zu einem Konzert zu gehen?

Cellesche Zeitung | Seite 10 | Donnerstag, 24. Januar 2019

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